Institut mit viel Hintergrund

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Das CEVRO Institut ist eine private Universität in Prag, die sich auf die Sozialwissenschaften fokussiert hat, vor allem in den Fächern Ökonomie, politische Philosophie (darüber halte ich hier Vorlesungen!), Rechtswissenschaft und Außen- und Sicherheitspolitik. Stolz ist man darauf, dass man nicht nur Mainstream-Inhalte lehrt, sondern auch weniger bekannte liberale Denkschulen (z.B. die Österreichische Schule der Ökonomie) gebührend berücksichtigt. Manche verdächtigen IMG_3869sie gar, geradezu eine liberale Kaderschmiede zu sein. Auf dem Schreibtisch des Rektors findet man jedenfalls erfreulich viele Büsten von Denkern wie Adam Smith oder Ludwig von Mises.

Ein solches Institut muss natürlich auch in einem Gebäude mit einem liberalen politischen Hintergrund residieren. Und das tut es auch. Das Neorenaissance-Gebäude in der Jungmannova 28/17 beherbergte dereinst den berühmten Klub Měšťanská beseda, was auf Deutsch soviel bedeutet wie „Bürgerliche Diskussion“. IMG_6731.JPGDer wurde 1845 in Prag gegründet und war formell ein Treffpunkt der „technischen Intelligenz“, also Wissenschaftler, Unternehmer, Beamte und einige Schriftsteller. Tatsächlich trafen sich aber hier am Vorabend der Revolution von 1848 vor allem politisch Gleichgesinnte. Es handelte sich eher um einen politischen Debattierklub und einen Ort, an dem politische Absprachen bei einem Glas Wein oder dem Billardspiel getroffen wurden. Nach einem Jahr gab es in Prag schoon über 500 Mitglieder. Bald gab es andernorts in Böhmen ebenfalls Ableger, etwa 1949 in Třebíč oder 1862 in Pilsen. Der Klub in Prag blieb der berühmteste und bedeutendste, schon alleine aufgrund des politischen Gewichts der Mitglieder, unter denen sich literarische Größen wie Karel Havlíček, František Palacký, František Ladislav Rieger und sogar der Komponist Bedřich Smetana (alle in diesem Blog bereits gewürdigt!) fanden. Hier wurden Pläne geschmiedet, wie ein liberaleres, demokratischeres und von der Wiener Zentrale des Habsburgerreiches unabhängigeres Böhmen geschaffen werden könnte. IMG_3873Auch die etwas repressiveren Zeiten nach dem Scheitern der Revolution überlebte der Klub und gedieh weiter. In den Jahren 1868 bis 1871 baute er sich das Haus in der Jungmannova als Hauptquartier und blieb dort noch Jahrzehnte aktiv. Erst 1952 lösten die Kommunisten den Klub auf.

Immerhin begann schon im Jahr darauf, 1953, neues Leben in den Räumlichkeiten. Aus dem Hauptsaal – heute die CEVRO-Aula – wurde die erste Übertragung des Tschechoslowakischen Fernsehen gesendet. Und auch später gab es viele Musik- und Opernprogramme, die hier fürs Fernsehen aufgenommen wurden. Nach der Wende von 1989 war es kurz die Zentrale eines privaten Fernesehsenders. Dann, 2006, erwarb der Trägerverein des neuen CEVRO Instituts das Gebäude und baute es für die Bedürfnisse eines Universitätsbetriebs um. Der ursprüngliche Charakter des Gebäudes wurde dabei so gut wie möglich erhalten, was sich besonders an der Aula (ein überdachtes Atrium) zeigt. Dass dies alles so ordnungsgemäß bleibt, dafür sorgt nicht nur der Rektor Josef Šíma, sondern vor allem das felide Maskottchen Dr. Cevrouš, dessen Büste (großes Bild oben) in der Aula steht und dereinst Teil eines Werbevideos des Instituts war. (DD)

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