Kisch bei den Bären

Kisch1

Keine Frage, er wurde in einem schicken Haus in bester Touristenlage geboren: Egon Erwin Kisch gehört zu den (vielen!) großen literarischen Persönlichkeiten, die Prag hervorgebracht hat. Mit seinen lebensnahen Reportagen erhob er den Journalismus zur Literaturform. Er deckte darüber hinaus Skandale des Habsburgerreichs auf, etwa den berühmten Sebstmord Kisch2des Oberst Redl im Jahr 1913, der sich als Teil einer veritablen Spionageaffäre entpuppte. Über seinem Talent konnte man fast vergessen, dass er später allzu wohlwollend über die „Errungenschaften“ der Sowjetunion berichtete und dabei gerne störende Fakten (wie den Gulag) ausblendete. Er blieb den Menschen – ausnahmsweise Deutschen und Tschechen gleichermaßen – als der klassische „rasende Reporter“ oder auch als „Zuřivý reportér“ in Erinnerung, was dasselbe in Tschechisch ist.

Deshalb ist auch an jenem Haus mitten in der Altstadt (Kožná 475/1), in dem er am 29. April 1885 geboren wurde, eine große Plakette mit einem Portraitrelief angebracht, das Kisch im Profil zeigt. Sie wurde 1956 von dem Bildhauer Břetislav Benda angefertigt. Kisch3Aber auch ohne Plakette ist das Haus schon für sich genommen interessant und unter dem Namen Haus zu den zwei goldenen Bären (dům U Dvou zlatých medvěd) bekannt. Es handelt sich um ein Renaissancehaus, das an der Stelle zweier mittelalterlicher Bauten steht, die 1403 erstmals erwähnt wurden, und von denen eines eine Brauerei war (schade, dass es die nicht mehr gibt!). Zwischen 1567 und 1600 erfolgte dann in zwei Stufen der Bau des Renaissancegebäudes, das im 17. Jahrhundert nur behutsam barockisiert wurde, was aber den Gesamteindruck nicht veränderte. 1726 wurde der dritte Stock aufgesetzt.

Das äußerlich auffallendste Merkmal des Hauses ist jedoch das schöne Spätrenaissance-Portal aus dem Jahre 1590. Es ist das Werk Bonifaz Wohlmut, der immerhin von 1556 bis 1570 königliche Hofarchitekt gewesen war und dem Prag das berühmte Lustschlösschen in den Königlichen Gärten bei der Burg verdankt, das oft als das „schönste Renaissancegebäude außerhalb Italiens“ bezeichnet wird. Und man sieht es auch dem Portal an, dass hier ein Großmeister der Renaissance am Werke war. Das Portal zeigt dann schließlich auch die beiden Bären, die dem Haus seinen Namen gaben. Der Name suggeriert überzeugend, dass die beiden Bären immer noch leicht gelblich schimmernden dereinst sogar vergoldet waren.

Heute ist das Gebäude übrigens Sitz der Verwaltung des Nationalmuseums – ein angemessener Ort! (DD)

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