Der Warschauer Pakt endete im Barockschloss

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Mit 150 Metern Länge ist das Palais Czernin (Černínský palác) mit Abstand das längste barocke Gebäude Prags. Fast erschlagend wirkt die kolossale Vorderfront. So einen Bau hinzukriegen, IMG_4639dauert seine Zeit. Angefangen wurde er unter dem kaiserlichen Diplomaten Humprecht Johann Czernin Graf von Chudenitz, der 1669 den italienischen Architekten Francesco Caratti  mit dem Beginn des Baus beauftragte, der daran bis zum Tode des Grafen im Jahre 1682 arbeitete. Das Gebäude war „betriebsbereit“, aber es blieb dem Architekten František Maxmilián Kaňka vorbehalten, das Gebäude in den Jahren 1717 bis 1723 wirklich fertigzustellen. Ihm verdanken wir das grandiose Treppenhaus, vor dem eine gewaltige Statuengruppe des Bildhauers Matthias Bernhard Braun IMG_4660steht (großes Bild oben). Die Kuppel über dem Treppenhaus ist mit dem Deckengemälde „Der Fall des Titan“ (Bild rechts) des Malers  Wenzel Lorenz Reiner ausgefüllt.

Während des Österreichischen Erbfolgekriegs wurde der Palast 1742 beschossen und arg demoliert. Der italienisch-schweizerische Architekt Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) nahm dies zum Anlass, die bisher etwas zu statisch wirkende Fassade mit neuem barocken Schwung zu versehen. Ihm verdankt man die IMG_4645gewundenen Balkone im ersten Stock und das kolossale Portal. Zur Gartenseite fügte er eine IMG_4646optisch beeindruckend wirkenden Durchgang mit einer Herkulesstatue des Bildhauers Ignaz Franz Platzer.

So groß war der Palast, dass die Grafenfamilie sich ab 1777 ihn nicht mehr leisten konnte. Immer wieder veränderten sich seine öffentlichen Funktionen – vom Lazarett über die Armenunterkunft und Mietshaus zur Kunstgalerie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diente es gar als Kaserne. Ende der 1920er Jahre war aber endlich eine höhere Bestimmung in Sicht. Ab 1928 IMG_4653modernisierte der Architekt Pavel Janák das Gebäude so, dass es zum Sitz eines modernen administrierten Außenministerium werden konnte, ohne dass der historische Charakter des Gebäudes darunter litt. Das gelang ihm recht gut und so zog das Außenministerium 1933 ein und residiert dort bis heute.

So durchlebte das Palais Czernin die Höhen und Tiefen der Politik. Zu den tragischen Ereignissen gehört der Tod des damaligen Außenministers Jan Masaryk im März 1948. Er hatte als letztes bürgerliches Kabinettsmitglied der kommunistischen Machtergreifung im Wege stehen wollen und lag des Morgens tot unter dem in fast 15 Meter Höhe befindlichen Fenster seiner Dienstwohnung. Die kommunistisch infiltrierten Untersuchungsbehörden erklärten den Tod zum Selbstmord, heute geht man eher davon aus, dass er von den IMG_4666Schergen des Regimes ermordet wurde. Wir berichteten hier.

Positiv ist hingegen zu vermerken, dass ein wesentliches Herrschaftsinstrument des Kommunismus, der von der Sowjetunion geführte Warschauer Pakt am 1. Juli 1991, in dem von Janák gestalteten Prachtsaal des Ministeriums unter dem Vorsitz Präsident Havels sein Ende fand. Eine Tafel im Treppenhaus erinnert daran. Das Photo links zeigt den Saal während einer Konferenz der Boris Nemtsov Foundation und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit über Menschenrechte in Russland. So etwas wäre vor 1989 nicht möglich gewesen. Man sieht: Jetzt wird hier wieder die Außenpolitik für ein freies Land betrieben. (DD)

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