Grandioses Provisorium

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Gäbe es einen Wettbewerb, welches die architektonisch originellste Kirche in Prag sei, sie wäre sicher ein heißer Kandidat: Die Kirche des Heiligen Adalbert (Kostel sv. Vojtěcha) im etwas nördlich des Stadtzentrums gelegenen Stadtteil Libeň (Prag 8).

Das hat nicht nur etwas mit der Wahl des Baumaterials zu tun – die Front, der Turm und überhaupt der ganze obere Teil sind aus Holz gebaut! Damit spielten die Architekten auf die bäuerliche Tradition bei Häuserbau in Nordböhmen an. Vor allem aber handelt es sich um eine der wenigen reinen Sezessions- oder Jugendstilkirchen Prags. IMG_4586Diese Kombination macht sie in jeder Hinsicht einzigartig.

Dass diese Kirche etwas Besonderes ist, leuchtet heute jedem Betrachter sofort intuitiv ein. Als sie gebaut wurde, sah man das irgendwie anders. Ja, sie wurde lange Zeit geradezu missachtet und gering geschätzt.

1904 hatte die Gemeinde den IMG_4601Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha (siehe frühere Beiträge hier und hier) mit dem Bau beauftragt, der ihn zusammen mit dem späteren Pionier des Kubismus, Emil Králíček (frühere Beiträge hier und hier), entwarf. Libeňs Bevölkerung wuchs damals rapide und die katholische Gemeinde wollte eine große Kirche bauen, was aber zu zeitaufwendig schien. Deshalb sollten die beiden Architekten nur eine provisorische Übergangslösung entwickeln. Die eigentliche Kirche kam nie, aber das Provisorium – das architektonisch IMG_4593bahnbrechender war als die geplante Großkirche je sein konnte – blieb.

Bis sie aber als großes Kulturdenkmal akzeptiert wurde, musste die Kirche einen langen Leidensweg durchmachen. Schon im Eröffnungsjahr 1905 zerstörte ein Hagelsturm Teile der Kirche (darunter die Orgel), was aber notdürftig repariert wurde. Die Glocken wurden 1916 eingeschmolzen, um Kanonen für den Weltkrieg daraus zu machen. Nur mit Mühen konnten die Behörden 1935 überzeugt werden, die nicht ganz zu schließen und möglicherweise abzureißen. Das Provisorium IMG_4605durfte als solches weiter überleben.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gab es bei den letzten Gefechten in Prag noch Beschädigungen. Immer wieder wurden nur notdürftige Reparaturen IMG_4598.JPGvorgenommen. 1951 kam das Gemeindeleben zum Erliegen. 1967 gab es wieder kleine Reparaturen und 1970 verschaffte ein unbekannter Spender, der das Andenken seiner verstorbenen Mutter ehren wollte, der Kirche wieder ein wenig Zeit. Doch schon 1972 beschädigte ein Sturm das Dach und das Gebäude geriet nun ernsthaft in Gefahr, für die Menschheit verloren zu gehen. Eine größere Instandsetzungsmaßnahme in den Jahren 1986 bis 1988 wurde unsachgeäß durchgeführt, so dass das Dach immer noch undicht war und es hineinregnete.

IMG_4591Erst nach dem Fall des Kommunismus nahm man sich des Gebäudes endlich in professioneller und gründlicher Weise an. Die Stadt Prag finanzierte eine große Rundum-Renovierung, die von 1996 bis 2001 dauerte. Und so steht sie wieder da – in voller Pracht und als Kulturdenkmal geschützt und anerkannt. Und ein Gemeindeleben gibt es auch wieder, denn die Stadt hat die Kirche der Gemeinde für 99 Jahre frei verpachtet.

Es lohnt sich also, ins das etwas abgelegene Libeň in die Zenklova ul. zu fahren, um sich dieses ganz besondere Bauwerk anzusehen. Der originelle Turm, dessen Dach einer Mohnblume ähneln soll, und der unglaublich lichte dreischiffige Innenraum mit seinen feinen Holzverstrebungen und seinem Jugendstildekor, der alle bisherigen Konventionen hinter sich lassende Eingang und vieles mehr werden ihre beeindruckende Wirkung nicht verfehlen. (DD)

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