Spannendes Klärwerk

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Dunkle Tunnel, unheimliche Gewölbe – nein, das ist kein mittelalterliches Verlies. Denn plötzlich steht man vor einer archaisch anmutenden Dampfpumpe. Klärwerke können nicht spannend sein? Wer so denkt, dem sei ein Besuch beim ältesten kommunalen Klärwerk Prags nahegelegt. Tatsächlich ist es so spannend, dass es sogar 2011 als IMG_4371Filmkulisse für den Actionfilm Mission Impossible IV diente, in dem Tom Cruise durch die engen Kanalisationstunnel hetzt. Als Filmkulisse wurde es aber auch danach unzählige Male für tschechische und internationale Produktionen herangezogen.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Prag viel zu groß geworden, als dass die bisherige Abwasserentsorgung (= einfach rein in die Moldau!) noch irgendwie tragbar war. Am Beispiel Londons, das Ende des 19. Jahrhunderts als erste Metropole ein umfangreiches Abwassersystem entwickelt hatte, setzte Prag nun alles daran, auf dem Festland die große Pionierrolle einzunehmen. IMG_4300Wie in London begann man zuerst mit dem Aufbau einer Wasserversorgung mit etlichen Wasserwerken. Dann widmete man sich der Entsorgung der Abwässer. Man baute dabei auf englischen Rat und nutzte die Expertise von Sir William Heerlein Lindley, der schon Städten wie Warschau und Frankfurt Kanalisationsprojekte entwickelt hatte.

Er baute in den Jahren 1901 bis 1906 das im Prager Stadtteil Bubeneč (genauer: in der Papírenská 6) gelegene Klärwerk – ein großer, in einem ein wenig historisierenden Stil gebautes Gebäude, das innen damals den neuesten technischen Stand in Sachen Klärtechnik repräsentierte.

Die Technik wurde im Laufe der Zeit natürlich immer wieder ein wenig modernisiert, etwa in den 1920er Jahren als sich zu den Dampf- auch Elektromotoren gesellten. Im IMG_4347Kern blieb aber die alte Lindleysche Anlage voll erhalten und funktionierte bis 1967, als man auf der Kaiserinsel in der Nähe ein neues Klärwerk baute. Die Absetzbecken des alten Klärwerks wurden noch bis in die 1980er Jahre vom neuen Werk verwendet. 1991 erklärte man jedoch das Gebäude zum Kulturdenkmal, 2010 gar zum nationalen Kulturdenkmal. Die frühe Industriearchitektur bekam die Anerkennung, die sie verdiente. Deshalb wollte man das Ganze auch nicht der Öffentlichkeit vorenthalten. 1992 formierte sich eine Stiftung, die die Anlage zum Museum ausbauen wollte. Im selben IMG_4323Jahr eröffnete man erste Abschnitte für die Öffentlichkeit. Heute ist die Anlage (bis auf einige Verwaltungsräume) vollständig als Museum zu besichtigen. Dazu gibt es fachkundige Führungen, teilweise auch in Englisch. Daten und Uhrzeiten erfährt man hier.

Und man bekommt wirklich etwas geboten! Die unterirdische Tunnel- und Gewölbearchitektur ist schon für sich genommen aufregend, aber faszinierend sind vor allem die alten technischen Einrichtungen – von den Absetzbecken über die Klärwannen für die Reinigung durch Löschkalk IMG_4334(heute nicht mehr der letzte Stand in Sachen „Ökologie“), von den Dampfpumpen zu den elekrifizierten Klärsieben, von den alten Eisenbahngleisen für die Wegschaffung der Klärabfälle zu den verschiedenen Tunnelanlagen. Für einen Zusatzobolus kann man sogar noch eine kleine Bootstour durch eine der Zisternen mitmachen.

Danach kann man sich noch in das ausgesprochen gemütliche Café des Museums zu einer Tasse Kaffee oder Tee zurückziehen. Auf dem Wege kommt man noch durch eine Galerie, in der wechselnde Ausstellungen moderner Künstler gezeigt werden. Man bekommt für sein Geld wirklich viel geboten!

An besonderen Tagen werden auch die Dampfmaschinen zwecks Vorführung wieder in Gang gesetzt. Die werden nämlich liebevoll von Freiwilligen in Schuss gehalten und dann in Aktion gezeigt. (DD)

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