Ob beschuht oder unbeschuht: Reiner Barock

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Unter den Barockkirchen der Kleinseite ist sie schon eine Besonderheit, denn sie ist das einzige größere Gotteshaus dort, das kein langschiffiges Gebäude ist, sondern eine Rotunde mit großer Kuppel. Die Rede ist von der Kirche des Heiligen Josef auf der Kleinseite (Kostel sv. Josefa na Malé Straně) in der Josefská 4. Eine Erklärung dafür mag sein, dass sie auch zu den wenigen Barockkirchen Prags gehört, die kein vorheriges gotisches Baustadium kannte. In der Gotik waren Rundbauten eher selten, im Barock liebte man sie wegen der ihr IMG_4022eigenen theatralischen optischen Wirkung im Innenraum. Hier konnte sich der Barock ohne gotische Vorgaben entfalten.

Wie dem auch sei, St. Josef wurde in den Jahren 1687-93 für den Orden der unbeschuhten Karmelitinnen erbaut (die übrigens trotz ihres Namens Schuhe tragen und das auch dürfen). Und der Architekt – kein Geringerer als der österreichische Stararchitekt des Barocks, Johann Bernhard Fischer von Erlach – legte sich bei seinem Entwurf mächtig ins Zeug. Realisiert wurde der Bau dann von dem Baumeister Abraham Preuss.

Dafür, dass sie inmitten des schönsten Teils der Kleinseite steht, liegt die Kirche in der kleinen Josefská unweit der Karlsbrücke recht ruhig und geradezu unauffällig. Man kann sie von der Straße aus über einen kleinen, ebenfalls ruhigen Vorplatz erreichen. Je näher man kommt, umso beeindruckender ist die große Fassade im Stil des niederländischen Barock. Die hohe und sehr geradlinig gebaute Fassade steht dann in einem geradezu überraschenden Kontrast zu der runden Raumgestaltung innen.

Schon die Lichtgestaltung unterstreicht ganz im Sinne der Theatralik von IMG_4026IMG_4029Barockarchitektur die göttliche Botschaft. Der unten fensterlose Raum ist eher dunkel, die Kuppel oben in der Höhe und die Nische des Hauptaltars sind hingegen (zumindest bei Sonnenschein) heller erleuchtet. Unter der Kuppel verläuft ein (leider meist nicht zugänglicher) Rundgang. Rundum im eigentlichen Kirchenraum gibt es kleine Nebenaltäre (die kleinen Bilder zeigen einen der Altäre mit der Figur des Heiligen Nepomuk, einen anderem mit der Heiligen Jungfrau Maria), doch das Schmuckstück IMG_4025ist der Hauptaltar mit seinem Gemälde der Heiligen Familie, gemalt von Peter Johann Brandl.

St. Josef ist übrigens immer noch eine Klosterkirche, wenngleich auch nicht mehr in den Händen der unbeschuhten Karmelitinnen. Heute geht hier Schwestern der Congregatio Jesu ihrem frommen Leben nach, ein im 17. Jahrhundert in England gegründeter Orden, der deshalb im Volksmund als die „englischen Fräulein“ bekannt sind.

Für frankophone Ex-Pats werden in der Kirche heute auch Gottesdienste in Französisch abgehalten. In Prag kann man in jeder Sprache die Predigt hören, wenn man will. (DD)

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