Verwitterte Nationalfarben

Sie war die dritte Steinbrücke, die in Prag über die Moldau gebaut wurde: Die nach dem Nationalhistoriker František Palacký benannte Palackého most (Palacký Brücke). Sie wurde 1878 eingeweiht und verbindet bis heute die Neustadt mit dem gegenüber liegenden Stadtteil Smíchov.

Damals hieß die 228 Meter lange und (nach einer Verbreiterung) 14 Meter breite Brücke, die von den Architekten Josef Reiter und Bedřich Münzberger erbaut wurde, allerdings noch nicht nach dem Historiker. Man nannte sie ein wenig ungelenk „Steinbrücke nach Smíchov“. Unter der Nazibesetzung wurde Mozart der Namenspatron, aber nach der Befreiung war dann endgültig Palacký angesagt.

Aber auch ohne den Namen des großen literarischen Nationalhelden hatten die Architekten klargemacht, dass ihnen die nationale Sache der Tschechen im Habsburgerreich sehr am Herzen lag. Dafür sorgten schon die auf der Brücke aufgestellten vier Statuengruppen des Bildhauers Josef Václav Myslbek mit Motiven aus der böhmischen Sagenwelt, die allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg als Verkehrsbehinderung angesehen und auf den Vyšehrad verfrachtet wurden (wir berichteten hier).

Für den heutigen Betrachter weniger offenkundig ist die Tatsache, dass die Architekten bei der Wahl des Baumaterials für die solide Neorenaissancebrücke schon ein gerüttelt Maß an patriotischer Gesinnung mit einbrachten: Blauer Granit, weißer Marmor und roter Sandstein – die Farben des panslawistischen Nationalismus also, die bis heute die tschechische Fahne schmücken. Die Luftverschmutzung hat inzwischen dafür gesorgt, dass die Farbunterschiede mittlerweile allerdings verwittert und somit nicht mehr so recht sichtbar sind. Aus weißem wurde ein gelblicher, aus dem blauen ein grauer Stein und nur das Rot des Sandsteins ist noch klar identifizierbar, wie man auf dem großen Bild oben sieht. Aber mit ein wenig Phantasie kann man sich auch heute noch vorstellen, wie sie zur Zeit ihrer Einweihung aussah.

Auf der Seite der Neustadt kann seit 1912 Palacký als Denkmal von seinem Sockel aus (früherer Bericht hier) den regen Verkehr auf „seiner“ Brücke verfolgen. Manchmal gab es auch Dramatisches zu sehen. 2002 konnte er auf der Brücke Dreharbeiten zu dem Film xXx – Triple X mit Vin Diesel beobachten und damit leider auch den tragischen Unfall von Diesels Double und Stuntman Harry O’Connor, der bei einem Stunt, an dem er an einem Fallschirm hängend von einem Schnellboot unter der Brücke durchgezogen wurde, ums Leben kam. (DD)

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