Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

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Hier soll er also eingekehrt sein, der brave Soldat Švejk, in der Gaststätte zum Kelch (Hostinec U Kalicha). Etwas abgelegen liegt sie in einer ansonsten ausgesprochen unbelebten Straße, der Na Bojišti 12-14 in Prag 2 – fernab der Touristenpfade. Doch die Touristen finden natürlich trotzdem den Weg zum „Kelch“, denn keine Gaststätte in Prag kann einen derartigen literarischen Ruhm beanspruchen wie diese.

IMG_3805Man sieht kaum je einen Tschechen dort (außer beim Bedienungspersonal), dafür aber (neben auffallend vielen asiatischen Touristen) immer wieder Fernsehteams, die Dokumentationen über den „Originalschauplatz“ filmen. Auch als wir das erste Mal dort waren, drehte dort ein japanisches Fernsehteam.

„Nach dem Krieg um sechs im Kelch!“ Dieser Ausruf des Švejk ist sprichwörtlich geworden – ja, für viele Švejkianer der bekannteste Spruch aus Jaroslav Hašeks berühmten Schelmenroman schlechthin und sie zitieren ihn gerne, wenn vom „Kelch“ die Rede ist. In dieser Form findet man den Ausruf wörtlich allerdings nur in späteren Theaterbearbeitungen. Da passt es auch hin, weil bei den Theaterfassungen das Stück nicht unvollendet bleibt (wie der Roman es aufgrund des IMG_3793Todes seines Autors im Jahre 1923 tat), sondern mit dem Wiedersehen des Švejk mit seinem Freund, dem Sappeur (Militärhandwerker) Vodička, genau um 6 Uhr nach dem Krieg. Das Hašeksche Original lässt den Švejk weniger präzise hellseherisch erscheinen und die Abschlusspointe der meisten Stücke, die im Buch nie kam, ist nicht so klar vorhersehbar: „Als Schwejk und Woditschka Abschied nahmen, weil jeder von ihnen zu seinem Truppenteil abgehen sollte, sagte Schwejk: »Bis der Krieg vorbei sein wird, so komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr beim ›Kelch‹…«“ (2. Teil, Kap. 22).

Wie dem auch sei, der „Kelch“ ist in Hašeks Roman allgegenwärtig und, obwohl der Švejk ja „nur“ eine Romanfigur ist (und daher nicht wirklich dort sein Bier getrunken haben kann), hat er wohl realiter dem Autor zu vielen Inspirationen verholfen. Denn der „Kelch“ war (und ist immer noch) eine reale Kneipe und Hašek kehrte dort auch tatsächlich ab und zu mit seinen Kumpanen aus der Prager Bohème ein. Einige Figuren des Romans – möglicherweise der Švejk selbst – sollen reale Vorbilder unter den Gästen des „Kelchs“ gehabt haben. Zumindest die Namen hat Hašek aber meist verändert. So hieß der Wirt anscheinend nicht Palivec, sondern Schmied. Der tschechische Name passte aber natürlich besser in die Romanhandlung, wo jeder Mensch mit tschechischem Namen für den in der Kneipe einkehrenden österreichischen Geheimpolizisten Bretschneider subversiver Umtriebe verdächtig ist. Dessen erinnert man sich natürlich im „Kelch“ heutzutage und deshalb hängt auch das im Roman vorkommende IMG_3800Portrait Kaiser Franz Josefs an der Wand, wenngleich nicht ganz im zeitgenössischen Stil gehalten, sondern eher als Karikatur. Denn Palivec entfernt es im Roman ja – mit der Ausrede, es hätten Fliegen darauf geschissen und er wollte es als guter Untertan davor schützen. Das bringt ihm am Ende eine Gefängnisstrafe ein.

Der „Kelch“ war allerdings zu Zeiten Hašeks ein billiger Schuppen, eine drittrangige und schmuddelige Kaschemme. Nebenan stand wohl ein Bordell. Ein stets an Geldmangel leidender, aber enorm trinkfester Schriftsteller wie Hašek konnte sich hier preisgünstigst volllaufen lassen.

Dass eine derartige Gaststätte heute noch – zweifellos auf höherem Niveau – besteht, mutet wie ein Wunder an, ist es aber nicht. Denn Hašeks Roman erlangte einige Jahre nach dem Ableben des Autors seinen heutigen Status als tschechischer Kultklassiker. Das verhalf auch dem „Kelch“ zu neuem Ruhm. Dafür waren vor allem die Theaterfassungen verantwortlich, von denen es schon 1927 eine erste gab, die von Hans Reimann und Max Brod geschrieben worden war. Der Durchbruch kam aber 1928 durch Erwin Piscators Inszenierung auf der Berliner Piscator-Bühne, die durch ihre IMG_3819multimediale Aufführungstechnik dem Švejk zu internationaler Prominenz verhalf und so gleichsam Buch und Kneipe unsterblich machten. Der Umsatz, die Qualität und die Internationalität des Ortes stieg. Schriftsteller und Publizisten aus der Tschechoslowakei, aber auch vielfach aus Deutschland pilgerten zur Lieblingsstätte ihres literarischen Helden. An der Popularität des „Kelchs“ änderte sich auch in der Nachkriegszeit und unter den Kommunisten (die, obwohl sie den „Kelch“ 1957 verstaatlichten, den Švejk und Hašek irgendwie für sich vereinnahmten) nicht viel. In den 1950er Jahren wurde der „Kelch“ sogar renoviert, vergrößert und qualitativ verfeinert, weil die Standards, die der Platz zu Hašeks Zeiten erreichte, selbst in kommunistischen Zeiten inakzeptabel erschienen. 1992 wurde der „Kelch“ den Nachfahren der Eigner, den Brüdern Pavel und Tomáš IMG_3810Töpfer, restituiert, die ihn seither betreiben.

Ja, so werden penible Restaurantkritiker einwenden, der „Kelch“ sei ja inzwischen ein reines Touristenlokal geworden. Das stimmt natürlich. Aber es ist kein Nepp, der geboten wird. Es gibt zwei Sorten Bier (Pilsner und Dunkles, großes Bild oben) und eine kräftig-tschechische Küche auf der Speisekarte, die sogar einige Überraschungen, wie z.B. eine köstliche und kräftige Suppe mit Gänseinnereien (siehe Bild oberhalb links) bietet. Dazu sei bemerkt, dass die Töpfers wahre Gänseexperten sind und sogar neben dem „Kelch“ einen eigenen hochwertigen und florierenden Spezialitätenhandel für Gänseleber und -pasteten betreiben.

Die Einrichtung der geräumigen Gaststube spielt IMG_3808natürlich stark auf den Švejk an, der als Puppe neben einem über 100 Jahre alten Musikautomaten sitzt, den der Kellner – so er die Gäste sympathisch findet – gerne ab und an vorspielen lässt. Es gibt Švejk-Zitate und Karikaturen an der Wand und Švejk-Souvenirs zu kaufen.

Im Rahmen dessen, was man legitimerweise von einer Touristengaststätte erwarten kann, ist das alles ausgesprochen solide, preisgünstig und wirklich in Ordnung. Man bekommt, was man erwarten darf! Und wenn man erst einmal drin sitzt, wird jede Konversation durch die Umgebung und den historischen Flair mit jedem Glas Bier oder Slivowitz ein wenig mehr švejkisch eingefärbt in Ton und Inhalt. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

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