St. Thomas: Wo kein Bier mehr gebraut wird…

IMG_4012Von weitem etwas unscheinbar an der nördlichen Seite des Malostranské  náměstí (Kleinseitner Platz) und ein wenig im Schatten der etwas höher gelegenen Kostel svatého Mikuláše (St. Nikolaus Kirche) liegt eine hübsche kleine gotische Kirche mit barockem Anstrich, IMG_3835die Kirche St. Thomas (kostel svatého Tomáše).

Die gibt es schon seit 1285 als König Wenzel II. die Kirche stiftete und einem neu gegründeten Augustinerkloster übergab. Dieser Ursprungsbau war kaum mehr als eine Kapelle, so dass man 1319 mit der Vergrößerung in Form einer langschiffigen Basilika begann, die 1379 (da war bereits  Karl IV. auf dem Thron) abgeschlossen wurde.

Die Kirche erlitt während der darauf folgenden Hussitenkriege schwere Beschädigungen, die aber nicht nur repariert wurden, sondern zu abermaligen Vergrößerungen (Anbau der Sakristei) führten.

IMG_3836Um 1600 wurde das große Renaissanceportal hinzugefügt, aber schon bald wurde die ganz große Barockisierung eingeleitet, 1637 unter anderem durch zwei große Gemälde vo Peter Paul Rubens, die allerdings heute im Nationalmuseum hängen. Richtig IMG_4007los ging es mit dem Barock sowieso erst als von 1727 bis 1731, als der große Baumeister und Architekt Kilian Ignaz Dientzenhofer die Kirche grundlegend neu gestaltete. Einige der großen Maler (Karel Škréta) und Bildhauer (Ferdinand Maximilian Brokoff) der damaligen Zeit sorgten dafür, dass die nun auf gotischem Grundriss stehende barocke äußere Pracht sich auch innen wiederspiegelte.Tatsächlich ist die Gotik hier fast vollständig vom Barock überlagert.

IMG_4009Neben dem Hochaltar (großes Bild oben) mit seinem Altarbild des Heiligen Sebastian (gemalt von Bartholomäus Spranger) verdienen vor allem auch die Seitenaltäre mit ihrem reichhaligen Schnitz- und Stuckwerk ihre volle Aufmerksamkeit. Auch die fein geschmückten beiden Glassärge mit den Gebeinen der Heiligen Justus (Bild links) und Bonifatius gehören zu den beeindruckenden Sehenswürdigkeiten der Kirche. Der Blick nach oben offenbart wunderschöne Deckengemälde und vor allem die prächtige,  1730 von IMG_4013Johann Franz Fassmann erbauete Barockorgel.

Dientzenhofer gab der Kirche damit die Gestalt, die sie im wesentlichen auch heute noch hat. Das besondere an ihr ist aber vor allem, dass sie noch sichtbar von von einem Kreuzgang und der Klosteranlage der Augustiner umgeben ist. Die Gebäude stammen hauptsächlich aus dem 17. Jahrhundert. Allerdings wird dort kaum IMG_4021eines mehr als genuines Kloster genutzt, wenngleich die Augustiner weiterhin in der Kirche Gottesdienste auch in Englisch und Spanisch anbieten – für Touristen und Ex-Pats. Der größte Teil dessen, was von den Augustinern genutzt wird, dient als Altenheim, d.h. als soziale Einrichtung. Ein anderer Teil des Geländes wurde im Jahre 2009 zu einem Luxushotel mit dem passenden Namen The Augustine umgebaut.

IMG_4015Hier kann man nicht umhin, einen geradezu tragischen und bitteren Kulturverlust zu bedauern, der im Herzen schmerzt. Die 1358 gegründete und vielgerühmte Thomasbrauerei/Pivovar u sv. Tomáše IMG_4014bestand bis 2005. Eigentlich war die Brauerei sogar noch älter gewesen, aber durch die Hussitenkriege war der Betrieb für einige Jahre eingestellt worden, nur um 1358 wiederaufgenommen zu werden. Wie dem auch sei, die Brauerei musste dem Hotel weichen, das in den Räumlichkeiten im Keller nunmehr seine Bar einrichtete. Schade!

Es kam uns das Gerücht zu Ohren, dass die Augustiner trotzdem an einem besonderen Jubeltage im Jahr wieder eigenes Bier brauten und dort einmalig ausschenken. Ein Hoffnungsschimmer! Wir werden der Sache nachgehen… (DD)

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