Turm nach Mocker-Art

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Keine Frage: Der Pulverturm (Prašná brána) ist das eindrucksvollste Stadttor Prags und zugleich eines der schönsten Meisterwerke der Spätgotik in der Stadt. Durch sein Tor führten dereinst im Mittelalter die Krönungsprozessionen der böhmischen Könige. IMG_3563Erbaut wurde er 1475 anstelle eines kleineren Wehrturms aus dem frühen 13. Jahrhundert, der zu diesem Zeitpunkt völlig verfallen war. Mit dem Bau des deshalb zunächst Neuer Turm (Nová věž) genannten Gebäudes beauftragte König Vladislav II. Jagiello den Baumeister und Steinmetz Matěj Rejsek. Er markiert die Grenze der Altstadt zur Neustadt und liegt (von der Altstadt gesehen) am Ende der Celetná.

IMG_3565Zum Namen Pulverturm kam er erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Da wurde er zu einem Pulverlager umfunktioniert. Für die Preußen, die im Zuge des Siebenjährigen Kriegs 1757 Prag unter Artilleriebeschuss nahmen, mag er dadurch zum strategischen Ziel geworden zu sein. Jedenfalls wurde der Turm arg beschädigt und dem Verfall überlassen. 1799 entfernte man, um „Steinschlag“ zu verhindern, die meisten Ornamente und Skulpturen an der Außenseite.

Der Jammer hatte ein Ende als man den Neogotik-Spezialisten unter den Prager Architekten, Josef Mocker (siehe  u.a. diesen früheren Beitrag) damit beauftragte, den Bau gründlich zu renovieren, was dieser in den Jahren 1875–1886 auch tat. Mocker IMG_3567war ein Bewunderer der Architektur der Zeit Karls IV., weshalb seine Turmkonstruktionen grundsätzlich immer ein wenig aussahen wie der Altstädter Turm an der Karlsbrücke. Das erkennt man an dem großen Walmdachaufsatz mit den vier kleinen Ecktürmchen. Durch die Dachkonstruktion wurde der Turm viel höher als er es ursprünglich gewesen waren. Ob diese Veränderung heute den Test des Denkmalschutzes bestanden hätte? Die Frage ist heute müßig. Auf jeden Fall ist der Turm dank Mocker richtig bombastisch geworden. Satte 65 Meter ist er nun hoch. Der Wandelgang für die eine atemberaubende Aussicht suchenden Touristen liegt immerhin in 44 Meter Höhe, wofür immerhin 186 Stufen bewältigt werden müssen (nach Zahlung eines kleinen Eintrittsgeldes). IMG_3566Josef Mocker hat sich und der Neogotik jedenfalls mit diesem Turm ein großes Denkmal gesetzt.

Mocker sorgte auch dafür, dass die gotische Ornamentik und ihr Skulpturenreichtum durch Renovation und vor allem durch eigene Nachempfindung wieder zu ihrem Recht kam. Unzählige Heiligenfiguren und (golden) beflügelte Engel schmücken die Fassaden ebenso wie das Stadtwappen Prags (rechts).

Es lohnt sich, sich die opulente Außengestaltung einfach einmal länger und näher anzuschauen, IMG_3568weil man auch (ganz im Sinne der Gotik) viele skurrile Details findet, meist Darstellungen der mittelalterlichen Baumeister. Und an der zum Gemeindehaus gerichteten Seit sieht man ebenfalls noch den kleinen Erker, der im Mittelalter als Toilette genutzt wurde. Keine Angst, von dort aus drohen aber heute keine unangenehmen Überraschungen mehr.

Und dann sind da noch oberhalb des Torbogens die Statuen vier historisch besonders bedeutender Könige Böhmen des Mittelalters – jeweils zwei auf jeder Seite. Auf der Neustadtseite sind dies die Könige Ottokar II. aus dem Haus der Přemysliden (1253–1278) und Karl IV. (1345–1378), der als der größte und „Vater des Vaterlands“ unter ihnen IMG_3562gilt (kleines Bild unten links).  Auf der Altstadtseite sindIMG_3564 es Georg von Podiebrad (1458–1471), der einzige Hussitenkönig (unten rechts), und der Erbauer des Tors, Vladislav II. Jagiello (1471–1516.

In den Jahren 1905 bis 1911 verband man durch einen im Jugendstil gehaltenen Übergang den Turm mit dem gerade neu erbauten Gemeindehaus Obecní dům (früherer Beitrag hier) angebaut.

Der Turm wurde selbst in kommunistischen Zeiten gut in Schuss gehalten. 1961 bis 1963 erfolgte eine gründliche Renovierung der Gebäudestruktur. Nach der Samtenen Revolution restaurierte man 1992 auch die Bildhauerarbeiten, Skulpturen und Ornamente außen an der Fassade. (DD)

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