Pawlow als Pawlowscher Hund

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Nichts, aber auch gar nichts ist richtig aufregend an der Betonarchitektur der Metro-Station I.P. Pavlova. Die Konstruktion des Architekten Otakar Maděra entspricht in ihrer IMG_3446reinen Zweckmäßigkeit dem, was man von der realsozialistischen U-Bahn-Architektur des Jahres 1974, als die Station eröffnet wurde, erwarten würde. Aber: Einen „Hingucker“ gibt es dort doch! Fährt man vom Bahnsteig die Rolltreppe hoch und schaut oben nach rechts, fällt einem ein entzückendes großformatiges Bild mit Hunden auf, die mit der Metro fahren. Es wurde 2011 von der in Paris lebenden, unter ihrem Künstlernamen Ktaiwanita bekannten tschechischen Illustratorin Kateřina Bažantová geschaffen.

Es geht dabei um IMG_3443den Namenspatron der Metrostation, den russischen Mediziner, Physiologen und Nobelpreisträger (1904) Iwan Petrowitsch Pawlow. Er ist auf dem Bild in der witzigen anthropomorphen Hundegruppe der große Hund in der Mitte, der sein 1903 erschienenes Hauptwerk Experimentelle Psychologie und Psychopathologie an Tieren in der Hand hält, während er mit der Metro fährt.

Warum die Darstellung als Hund? Erstens: Die Prager lieben Hunde (siehe hier) und Darstellungen mit Hunden sind immer populär. Zweitens: Pawlow wurde vor allem durch ein Experiment mit Hunden bekannt. Er wusste, dass bei Hunden, denen ihr Futter serviert wird, der Speichelfluss messbar ansteigt. Jedes Mal, wenn er einen Hund nun fütterte, klingelte er ein Glöckchen dazu. Irgendwann servierte er einmal kein Futter, IMG_3444sondern klingelte nur mit dem Glöckchen. Prompt stieg der Speichelfluss so an, als ob dort wirklich das Fressen in den Napf gekommen wäre. Damit hatte Pawlow entdeckt, dass man vermeintlich angeborene Reflexe auch durch Manipulation des Umfelds konditionieren konnte. Man spricht seither von einem bedingten Reflex und dem Pawlowschen Hund.

Die Kommunisten, die in Russland 1917 an die Macht kamen, mochten Pawlows Ideen. Sie schienen zu suggerieren, dass man den Menschen dem „idealen“ Gesellschaftmodell durch Konditionieren anpassen, ja sogar zum „neuen Menschen“ machen könne. Pawlow empfand das als eine groteske Überinterpretation seiner Erkenntnisse. Ihm waren die Kommunisten schlichtweg zuwider. Dank seiner Bekanntheit konnte er sich auch erlauben, dies öffentlich in aller Deutlichkeit zu sagen.

Gegenüber Stalins Außenminister Wjatscheslaw Molotow soll er einmal das Sowjetregime als „Sch…“ bezeichnet haben und 1929  – als die „Säuberungen“ der Universitäten und der Wissenschaft ihren Höhepunkt erreichten – verkündete er in einer Rede: „Wir leben unter der Herrschaft eines grausamen Grundsatzes: Staatsmacht ist alles, die individuelle Persönlichkeit nichts… Auf dieser Grundlage, meine Herren, kann kein Kulturstaat aufgebaut werden, und kein irgendwie gearteter Staat kann so lange bestehen!“

Das war wirklich mutig. Wenn man bedenkt, wieviele Wissenschaftler unter Stalin für weitaus weniger starke Worte ein grauenvolles Ende fanden, kann man nur sagen: Hut ab, Professor Pawlow!

Um so ärgerlicher war es eigentlich, dass die Kommunisten 1974 mit der Stationsbenennung immer noch Pawlow (posthum, denn er war bereits 1936 verstorben) für sich reklamierten. Die sympathische Hundedarstellung von Ktaiwanita rückt daher die Sache immerhin ein wenig zurecht , und zwar mit Hintersinn. Sie setzt einen Kontrapunkt zu der kargen Ideologie, die Pawlows Namen missbrauchte und IMG_3431ihn durch die damalige Namensgebung der Metrostation zum Zeugen ihrer Schandtaten gegen die Wissenschaft erklären wollte. Dass der „Hundepawlow“ mit seiner rebellischen Afroperücke da genüsslich das kulinarische Symbol des Kapitalismus,  einen Hamburger, verspeist, wirkt wie ein Akt der Befreiung (großes Bild oben). Die Darstellung lässt den großen Forscher (gerade für die hundenärrischen Prager) in positivem Licht erscheinen – weit weg von dem ideologischen Schematismus, in den man ihn seinerzeit zwängen  wollte. Pawlow ist mit diesem Bild irgendwie den Kommunisten entrissen worden!

Noch ein paar Wort zur Metrostation selbst. Sie liegt in 19. Metern Tiefe, ist mit rund 118.000 Nutzern pro Tag (Stand 2008) der meistgenutzte Metrobahnhof Prags und wurde 2015 barrierefrei gemacht. Neben der lustigen Darstellung Pawlows durch Ktaiwanita gibt es noch ein kleines kulturelles Highlight. Während der Aushubarbeiten für die Station hatten Arbeiter einige Teile einer barocken Bastion mit Steinreliefs des böhmischen Löwen (Bild unten rechts) aus der Zeit um 1660 ausgegraben, die den städtebaulichen Umgestaltungen des späten 19. Jahrhunderts zum Opfer gefallen war. Sie sind heute im Zwischengreschoss zu sehen. (DD)

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