Der russische Komponist und die Freiheit in Prag

Archangelski

1917 übernahmen die Bolschewiki die Macht in Russland. Das dunkle Zeitalter des Totalitarismus begann. Die Tschechoslowakische Republik war hingegen nach ihrer Gründung im Jahre 1918 ein Hort der Freiheit – und sie blieb es in der ganzen Zwischenkriegszeit als anderswo die Demokratien kollabierten. Kein Wunder, dass viele bedrängte russische Kulturschaffende sich in Prag eine neue Heimat suchten. Einer davon war der Komponist Alexander Andrejewitsch Archangelski.

Er war nur einer von unzähligen Russen, die nach dem Ersten Weltkrieg die Kulturszene der Stadt entscheidend bereicherten – etwas was heute fast vergessen ist, aber nicht vergessen werden sollte. Archangelski war ein Komponist, der sich hauptsächlich der Kirchenchormusik Russlands und seiner Tradition widmete und damit einen Beitrag zur nationalen kulturellen Wiedererstehung seines Landes leisten wollte. Er war dabei  kein rückwärtsgewandter Traditionalist, sondern durchaus ein Musikreformer, der unter anderem zum ersten Male Kirchenchorwerke für weibliche Chorstimmen komponierte, was bis dato von der Orthodoxen Kirche abgelehnt worden war. 1880 gründete er sogar einen gemischten Chor, der sich auch etlicher seiner Adaptionen IMG_3362von russischen Volksliedern annahm und so zu deren neuerlichen Popularisierung beitrug.

Als die Oktoberrevolution über seine Heimatstadt St. Petersburg hinwegfegte, konnte er sich wegen seiner moderaten politischen und zugleich sehr christlichen Ansichten nicht so recht mit den neuen Machthabern anfreunden. 1922 wanderte er nach Prag aus, wo er die letzten beiden Jahre seines Lebens verbrachte und einen Studentenchor dirigierte und neue Kompositionen schuf.

Am 16. November 1924 starb er. Er wurde zunächst auf dem russisch-orthodoxen Teil des Olšany-Friedhof in Žižkov (siehe früherer Beitrag hier). Wissend um seine tiefe Heimatverbundenheit, sorgten 1925 Freunde und Verwandte dafür, dass er auf einen Friedhof in St. Petersburg umgebettet wurde, das zu diesem Zeitpunkt gerade in Leningrad umgetauft worden war. Das hat sich seit 1991 gottlob wieder geändert und Archangelski kann nun wieder in St. Peterburger Erde ruhen.

An seinen Aufenthalt in Prag erinnert heute eine Plakette an jenem Haus an der Ecke Máchova/Koperníkova in Vinohrady. Es ist ein schlicht-neobarocker Wohnblock mit vier Stockwerken, wie er nicht ungewöhnlich für den Stadtteil ist. Die Aufschrift der Plakette besagt in Russisch und Tschechisch geschrieben: „Hier wohnte und starb A. Archangelski, russischer Dirigent und Komponist“.

Es ist eine der wenigen Stellen in Prag, an denen man erinnert wird, welchen Beitrag vor dem Kommunismus geflohene Künstler in der Ersten Republik für das Kulturleben der Stadt leisteten, die ein sicherer Hafen der Freiheit für die Verfolgten von damals war. (DD)

 

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