Zu Halloween: Knochenkunst in Kutná Hora

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Heute passend zum Halloween – das Sedletz-Beinhaus im ca. 70 km östlich von Prag gelegenen Kutná Hora. Tausende und Tausende menschlicher Knochen. Kunstvoll gestapelt. Schädel mit leeren Augen grinsen einem ins Gesicht. Möchte man hier in diesem dunklen Gewölbe alleine eingeschlossen sein? Huuuuh! Keine Angst! Das kann gar nicht passieren, denn dort unten ist man definitiv nie alleine. IMG_9869Selbst außerhalb der Feriensaison wimmelt es hier von Touristen. Zu Stoßzeiten ist in der Gruft wohl eher Platzangst denn Geistergrusel angesagt. Kein Wunder: Es handelt sich ja aber auch um eine wirklich bemerkenswerte Sehenswürdigkeit.

Es begann damit, dass der Friedhof ringsum, der ursprünglich zu einem Kloster gehörte, nach 1278 zu einem besonders „populären“ Liegeort für Verblichene wurde. In diesem Jahr brachte nämlich Böhmens König Ottokar II. Přemysl aus Jerusalem geheiligte Erde mit, ließ sie auf dem Friedhof verteilen und IMG_9864machte ihn damit ebenfalls zu einem besonders geheiligten Ort. Aus ganz Europa wurden nun Leichname hierhin zu Beerdigung gebracht. Im 14. Jahrhundert verheerte die Pest das westliche Abendland. Da wurden es noch mehr Beerdigte – nun sogar in Massengräbern. Man wusste nicht mehr, wo man die Toten in dem riesigen, aber dennoch überfüllten Areal noch unterbringen sollte. Als man schließlich im frühen 15. Jahrhundert auf dem Gottesacker eine Kirche mit großem  gotischem Kellergewölbe baute, begann man, die Gebeine vieler dabei exhumierter menschlicher Überreste im Keller zu stapeln. Das war platzsparend. Fortan war das Untergeschoss der Kirche (deren oberer Teil 1703 bis 1710 barockisiert wurde) ein Ossarium, zu Deutsch: Beinhaus.

Im Jahre 1870 fand die Kirchenverwaltung, dass der Unterbringungsort für so viele sterbliche Überreste ein wenig würdiger gestaltet werden sollte, als nur durch das IMG_9874Auffüllen eines Gewölbes mit Knochen. Mit der ästhetischen Gestaltung wurde der in den Diensten des Fürstenhauses von Schwarzenberg stehende Holzschnitzer František Rint beauftragt. Der verlor auch inmitten der vielen Zeugnisse menschlichen Todes nicht seinen gesunden Spieltrieb und bastelte sich weniger mit Holz (wie vorgesehen), sondern eher mit den umherliegenden Knochen die Innenausstattung des Beinhauses zurecht.

Rund 10.000 der 40.000 im Beinhaus gestapelten Skelette verwendete er, um große IMG_9870Plastiken in Form von Abendmahlkelchen, achtarmigen Lüstern, spitz zulaufenden Fialen und sonstigen Ornamenten, die an Barockkunstwerke gemahnen, zu bauen. Die nicht verwendeten Teile wurden schön sortiert (Schädel zu Schädel, Ellenbogen zu Ellenbogen, etc.) in konisch geformten Stapeln aufgehäuft. Das sieht auf der einen Seite makaber, auf der anderen Seite aber auch irgendwie ästhetisch sehr ansprechend aus.

IMG_9883Das bemerkenswerteste Knochenkunstwerk ist zweifellos der Ehrerbietung gegenüber dem Haus Schwarzenberg, dem Rint diente, geschuldet. Es ist das Wappen der Familie Schwarzenberg, auf dem im unteren rechten Viertel (in Anspielung auf die Türkenkriege) der Kopf eines toten Kriegers abgebildet ist, dem eine Krähe ein Auge auspickt. Aus Knochen zusammengesetzt – wie hier im Ossarium – wirkt das natürlich noch bizarrer als es sowieso schon aussieht (siehe großes Bild oben).

Besondere Schädel wurden gesondert ausgestellt – so etwa Schädel von Gefallen der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert, die von schweren Schuss- und Schlagverletzungen gezeichnet sind. Dem makabren Reiz des Ganzen kann man sich nur schwer entziehen. Das Horrorfilmgenre hat den Ort bereits entdeckt. Im Jahre 2000 wurde unter anderem der amerikanische Fantasyfilm Dungeons and Dragons hier gedreht. Das dürfte die Bekanntheit des Ossariums gesteigert haben. Die Touristen – darunter auffallend viele aus dem Fernen Osten, wo derartige Formen des Totenkults eher Tabu sind – strömen nur so, vor allem, weil Kutná Hora auch sonst noch viel zu bieten hat. Freunde des Makabren und Schaurigen kommen jedenfalls im Sedletz-Ossarium auf ihre Kosten. Happy Halloween! (DD)

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