Hoch zu Ross und mit wehendem Banner reitet er im Galopp auf den Betrachter zu: der Heilige Wenzel, auf Tschechisch Svatý Václav genannt. Der fromme böhmische Herrscher, der im Jahre 935 durch seinen bösen Bruder den Märtyrertod erlitt, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks des schönen Hauses am Staroměstské náměstí 552/16, kurz: mitten auf dem Altstädter Ring. Die Inschrift bedeutet ungefähr: „Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes für uns.“
Auch wenn es den Eindruck zu erwecken versucht, ist das Haus mit dem Wenzel kein mittelalterliches Gebäude. Erbaut wurde es vielmehr in den Jahren 1896/97 von dem östereichischen Architekten Friedrich Ohmann für den Buchhändler und Verleger Alexander Storch, weshalb es auch oft Storch-Haus (Štorchův dům) genannt wird. Und für die opulenten Fresken zeichnete sich Mikoláš Aleš aus, der damals wohl bekannteste Historienmaler Böhmens (siehe früheren Beitrag hier). Es handelt sich also um ein Kunstwerk von Rang.
Sowohl Architektur als auch die Malereien sind dem spätmittelalterlichen Stil der Jagiellonen-Gotik (Jagellonská gotika) nachempfunden, jenem Stil, der in der Zeit Mode war, als mit Vladislav II. – ein Sproß der polnisch-litauischen Dynastie der Jagiellonen – gewählter König in Böhmen war. Das grenzenlose Europa war damals schon ein Stück Realität. Man nennt den Stil daher auch manchmal Vladislav-Gotik (Vladislavská gotika).
Dass wir heute das schmucke Haus in all seiner Pracht bewundern können, verdanken wir den kundigen Restauratoren unter der Führung des Architekten Josef Prskavec, die es 1948 wieder herrichteten, nachdem es bei den Kämpfen während des Prager Aufstandes im Mai 1945 (früherer Beitrag hier) schwer beschädigt worden war. (DD)
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