Wo einst der Mittag bestimmt wurde

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Nachtrag zu diesem Beitrag vom Februar 2021: Die für die Zeitmessung durch den hier beschriebenen Meridian notwendige Mariaensäule ist seit dem Sommer 2020 wieder aufgestellt. Dazu unser Bericht hier.

Die Armbanduhr oder die Zeitangabe auf dem Mobilphon waren noch nicht griffbereit. Wie konnte man eigentlich in früheren Zeiten die genaue Uhrzeit herausfinden? In Prag wusste man sich 1652 zu helfen, in dem man mitten auf dem Altstädter Ring den sogenannten Prager Meridian in das Pflaster einfügte. Genau auf 14°25‘17 östlich des Greenwicher Längengrades ließ man eine Metallschiene ein. Um exakt 12 Uhr Mittags fiel dann der Schatten einer gleichzeitig errichteten großen Mariensäule genau auf die Schiene. IMG_3296Dann konnte man seine Sanduhr genau einstellen, weil man nun die präzise Mittagszeit erfahren hatte.

Die Mariensäule hatte einen kleinen Haken, der letztlich dazu beitrug, dass der Meridian heute nicht mehr so recht als Zeitmesser benutzt werden kann. Sie wurde nämlich als Triumphsäule für den habsburgischen Sieg bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 konzipiert, der den armen Böhmen den Verlust ihrer Souveränität und ihrer Glaubensfreiheit einbrachte. Als Ende 1918 das Habsburgerreich zusammenbrach und die Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, rissen überschwängliche Bürger vor Freude die Säule als Schandmal der Versklavung ein – nicht die kunsthistorischen und vor allem horologischen Folgen ihres Tuns bedenkend.

IMG_3297Der Meridian, der ja politisch völlig unbescholten war, wurde jedoch trotz der Tatsache, dass er nun funktionsuntüchtig war, weiter gepflegt und 1988 nach genauen astronomischen Untersuchungen in neuer Form in Messing wieder in den Boden eingelassen. An seinem dem Hus-Denkmal zugewandten Ende steht in Latein und Tschechisch der Satz: „Der Meridian, der in der Vergangenheit die Prager Zeit maß.“ Auf jeden Fall marschieren tägliche tausende und abertausende Touristen über die eingelassene Schiene des Meridians – wobei nur die wenigsten wissen dürften, auf welcher kleinen Preziose sie da herumtrampeln.

Wirklich gebraucht wurde der Meridian zur Zeitbestimmung übrigens auch früher schon bald nicht mehr. Die Sternwarte im nahegelegenen Klementinum berechnete ab 1751 die Zeit des Mittags viel genauer und gab dann von ihrem Turm (dem höchsten der Altstadt) ein Fahnensignal, das im 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs durch einen Kanonenböller ersetzt wurde, den niemand überhören konnte. (DD)

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