Wo kein Bier mehr gebraut wird

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Man fährt mit der Straßenbahn oft daran vorbei, ohne weiter darauf zu achten.  Es gibt in Prag sicher schönere Gebäude als dieser strenge funktionalistische Bau an der Westseite des Karlsplatzes (Karlovo náměstí 292/14). Aber dann entdeckt man doch ein Detail, das zum Nachdenken über die Vergänglichkeit des Seins gemahnt. Ja, hier wurde einmal Bier gebraut und nun nicht mehr! Eine echte Tragödie! Černý pivovar (Schwarze Brauerei) steht – zusammen mit einem grimmig dreinschauenden Löwen – dann doch recht auffallend in Stein gemeißelt über einem der Eingänge. Man wird neugierig…

Nun: Dereinst gehörte das Gebäude (eigentlich standen dort gleich mehrere Häuser) zum damaligen Kloster in diesem Ortsteil, von dem nur noch die Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze) steht (früherer Beitrag hier). Nach der Klosterenteignung in den Zeiten Kaiser Josefs II. wurde das Gelände säkularisiert. Es standen hier nunmehr einige Barockhäuser, von denen eines tatsächlich eine Brauerei war. Dies blieb auch so als im 19. Jahrhundert der Barock durch den Klassizismus ersetzt und in den 1920er Jahren im Innenhof neue Ergänzungen (eine moderne Druckerei) zugefügt wurden.

IMG_32641934 folgte die völlige Umgestaltung durch die Architekten Bohumír Kozák und Karel Roštík. Für eine Versicherung bauten sie das Gebäude an der Front zur Straße völlig um – ganz im Geiste der funktionalistischen Moderne. Wie immer man dazu steht, die Brauerei existierte immerhin weiter. Sie bekam sogar vom Bildhauer František Bžoch, einem Schüler des tschechischen Meisterbildhauers Josef Václav Myslbek (der hat den großen Wenzel auf dem Wenzelplatz gestaltet) ihr „Logo“ angefertigt – eben das schöne Löwenrelief, das wir oben im großen Bild sehen. Zu  Ende der Ersten Republik galt die Gaststätte geradezu schick und war echt angesagt.

Das Glück währte nicht ewig: Die Brauerei hat leider den Kommunismus nicht überlebt. In den 1970er Jahren fiel sie und das dazu gehörige Restaurant einem Umbau zum Opfer. Heute befindet sich ein Drogeriegeschäft dort, wo dereinst das gute Bier ausgeschänkt wurde. Zugegeben, es gibt in Prag viele Brauereien, zu denen man nun, ohne allzu viele qualitative Abstriche machen zu müssen, ausweichen kann. Aber traurig macht ein solcher kultureller Verlust schon. Man hätte so gerne gewusst, wie gut das Bier der Černý pivovar wohl geschmeckt haben mag. (DD)

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