Engel auf Erden

IMG_3245

Da er fernab der Touristenmeilen liegt, ist er nicht der große Besuchermagnet, der er sein könnte. Schade, denn der Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) ist einer der schönsten und sehenswertesten alten Friedhöfe Prags. Ursprünglich lag er etwas außerhalb der IMG_3232Stadt, denn im 18. Jahrhundert reichte wegen des Bevölkerungswachstums die Kapazität der kleinen Kirchhöfe mitten in den Ortszentren nicht mehr. Also legte man großzügig konzipierte Friedhöfe vor den Mauern der Stadt an.

So wurde im Jahre 1786 auf Erlass Kaiser Josefs II. dieser Friedhof feierlich geweiht – quasi auf der grünen Wiese hinter der Kleinseite. Man nutzte dazu den Friedhof eines ehemaligen Pesthospitals, der während einer Seuche 1680 angelegt und danach noch einmal als Seuchenfriedhof bei der Pest von 1713/14 genutzt worden war. Schon 1703 hatte zu dem Areal eine kleine Kapelle gehört, die dem Pestheiligen Rochus IMG_3233gewidmet war, aber schon 1715 durch die Kirche der Heiligen Dreieinigkeit ersetzt wurde. Diese wurde wiederum 1831 grundlegend im Empirestil neugebaut, wodurch sie ihre heutige Form erhielt (Bild rechts).

Im späten 19. Jahrhundert holte die Stadt durch ihr Wachstum den Friedhof ein. Nicht mehr außerhalb der Stadt, sondern mitten im Stadtteil Smíchov (Prag 5) liegt er nun. 1850 nutzte man noch einmal die nur noch geringen Potentiale zur Erweiterung, dann war Schluss: 1885 fand die letzte Beerdigung statt, der Friedhof wurde nicht mehr genutzt. Teile fielen bald dem Straßenbau zum Opfer. Schon 1910 gab es eine Diskussion, ihn ganz von der Landkarte verschwinden zu lassen. Gottlob fand er immer wieder Bürger, die seinen Erhalt unterstützten. Trotzdem fielen die Gräber zunehmend der Verwitterung und dem Vandalismus zum IMG_3254Opfer. In den 50er Jahren schloss man ihn ganz.

Erst nach dem Ende des Kommunismus erwachte der Friedhof langsam aus dem Dornröschenschlaf. 2001 setzten städtische Erhaltungsmaßnahmen ein und 2011 übernahm das Gelände ein großer Förderverein, der die Gräber so gut wie möglich restaurierte, die mit altem Baumbestand versehene Anlage wieder regelmäßig pflegte und das Ganze der Öffentlichkeit zugängig machte. Man kann den Bürgern, die sich hier engagiert haben, nur dankbar sein.

Das, was vom Friedhof noch übrig ist, ist beeindruckend und liefert einen tiefen Einblick IMG_3259in die Prager Begräbniskultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Es sind Gräber von Menschen aller Schichten – von Bettlergrab IMG_3256zum Fürstengrab. Auch schien er keine Trennung von Tschechen und Deutschen zu kennen. An vielen Gräbern kann man Dank der symbolträchtigen Bildhauerarbeiten den Beruf des Verstorbenen erkennen – die große Leier des Komponisten oder die Kanone des Armeeoffiziers.

Bei manchen Attributen muss man auch rätseln, etwa über die Kombination eines Bienenkorbs und einer IMG_3237darauf sitzenden Eule. Ich konnte noch keine Deutung dafür finden.

Zentral steht das größte Grabdenkmal, das des Fürstbischofs Leopold Leonhard Raymund Graf von Thun und Hohenstein, der sich durch die Anlage des in der Nähe gelegenen Cibulka Landschaftsgartens (siehe früheren Beitrag hier) seine Verdienste um das Prager Stadtbild erworben hatte. Demütig knieend vor dem Altar hat der IMG_3230Bildhauer Václav Prachner den dereinst in Passau regierenden Fürstbischof hier dargestellt.

Zu den vielen anderen berühmten Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, gehört unter anderem der Komponist und Mozart-Freund František Xaver Dušek, in dessen Haus (auch in der Nähe gelegen!) Mozart seinen Don Giovanni vollendete.

Auch die Familie des berühmten Schriftstellers Jan Neruda hat hier ihr eher bescheidenes Grab. Ursprünglich wurde der Schriftsteller ebenfalls dort begraben, aber später auf den Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad umgebettet. Trotzdem ist das Familiengrab immer noch eines der am meisten besuchten Gräber des Friedhofs. Man erkennt die Grabstätte kaum, die IMG_3260durch ein liegendes Kreuz aus Gußeisen markiert wurde (Bild rechts). Die Familie Nerudas (der Vater war Eigner eines kleinen Tabakladens) konnte sich kein Grab wie der Fürstbischof leisten (früherer Beitrag hier).

Die meisten Menschen, die diesen Friedhof besuchen, zieht es jedoch zum Grab der kleinen Anna Degenová (1848-51), auch als das „Grab des heiligen Mädchens“ bekannt (großes Bild). Man weiß nicht genau, wie es kam, dass das als dreijähriges Kleinkind verstorbene Mädchen aus armer Familie einen so elaborierten Grabstein bekam, aber dem recht namhaften Bildhauer Josef Max gelang auf jeden Fall eine zutiefst anrührende Skulptur. Das Kissen, auf das der Kopf des Mädchens ruht, erinnert optisch bewusst ein wenig an Engelsflügel. Denn die Legende, die 1942 der Schriftsteller František Kožík zu einem Kinderbuch verarbeitete, besagt, dass die kleine Anna ein in Menschengestalt auf die Erde gekommener Engel gewesen sei. Bei ihrer Geburt sei sphärische Musik erklungen, sie habe mit Tieren sprechen können und großzügig alles, was sie hatte, noch ärmeren Menschen, als sie es war, gegeben. Was man hinter den Legenden lesen kann, ist die Liebe und die unendlich tiefe Trauer, die die Eltern angesichts ihres so frühen Todes gefühlt haben mussten. Immer wieder schmücken fremde Menschen noch heute das Grab mit Blumen, kleinen Spielzeugen und Kerzen – ein Anblick, der zu Tränen rührt. (DD)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s