Luxusmarkt der Belle Époque

Markthalle6

Die Markthalle in der Altstadt (Staroměstská tržnice), gelegen an der Rytířská 406/10, ist ein Dokument des wirtschaftlichen Optimismus des 19. Jahrhunderts und war dereinst geradezu ein Tempel des luxuriösen Kommerzes.

Der Architekt und Industriedesigner Jindřich Fialka schuf Markthalle11893 für die Markthalle  geradezu eine Orgie an bombastischem Neobarock, was ein wenig verdeckt, welche Modernität eigentlich dahinter steckte. Und groß ist das Ganze: An der Stelle des Gebäudes standen vorher vier Häuser. Und mit vier Stockwerken gehört die Markthalle also schon zu den stattlicheren Bauwerken im Altstadtareal.

Die Fassade wimmelt nur so von mythologischen Darstellungen. Insbesondere der Mittelrisalit ist opulent ausgestaltet, wobei weit oben über dem zweiten Stock die Darstellungen von Artemis und Merkur (großes Bild oben) auffallen. Markthalle9Merkur passt besonders zu dem Gebäude, weil er schließlich der griechische Gott des Handels ist.

Der Markt, der bis tief ins 20. Jahrhundert betrieben wurde, gehörte in jeder Hinsicht dem Luxussegment an. In den beiden Eingangsbereichen findet man Freskenmalereien mit Marktszenen, die dies unterstreichen. Auch einige Stuckreliefs an den Decken zeigen Leckereien wie Hummer. Äußerst international soll das an ein MArkthalle7großbürgerliches Publikum gerichtete Angebot gewesen, bei dem französische Froschschenkel noch das unexotischste waren.

So sehr viel barocke Antikenleidenschaft außen an der Fassade sichtbar ist, drinnen ging es immer modern zu. Die Markthalle war schon früh elektrifiziert; der Ingenieur František Křižík, den Zeitgenossen den „tschechischen Edison“ nannten, hatte dazu seine neu erfundene  Kohlebogenlampe installieren lassen. Markthalle8Ab 1922 lieferte sogar ein eigenes Dampfkraftwerk die Energie dazu.

Na ja, die Zeit des Kommunismus setzte dem Gebäude noch ganz in der Schlussphase zu. In den 80er Jahren zog man eine Betondecke ein, so dass die Räumlichkeiten, in denen sich heute u.a. ein Supermarkt befindet, alle ihre ursprüngliche Luftigkeit verloren haben. Nur in der Mitte hat man ein Sichtloch freigelassen, wo man durch nicht sonderlich sauberes Glas die ursprüngliche Markthalle2architektonische Struktur vage erkennen kann. Hinter der Fassade befindet sich nämlich (aber eben kaum sichtbar) ein kühner fünfzackiger Bau mit Kuppel aus Gußeisen und Glas – was zur Zeit der Eröffnung sozusagen der technologische dernier cri   war.

Im Jahre 2016 hat der Prager Rat beschlossen, dass man langfristig für sehr viel Geld den ursprünglichen Zustand wiederherstellen wolle. Dann könnte man wieder so frei und beschwert unter der schönen Kuppel und dem gußeisernen Gitterwerk lustwandeln und konsumieren wie damals in der Belle Époque, deren Geist das Gebäude atmet.  Wann das geschieht, lässt sich nur sehr schwer abschätzen. Wünschenswert ist es aber auf jeden Fall. (DD)

 

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