Markthalle: Außen Renaissance, innen Moderne

IMG_3094

Eine wachsende Bevölkerung und ein wachsender Wohlstand veränderten auch in Prag Ende des 19. Jahrhundert das Konsumverhalten der Menschen. Statt der traditionellen lokalen Bauernmärkte gab es nun vermehrt Markthallen, die ein wesentlich Markthalleweitreichenderes und internationaleres Angebot präsentierten. Auch äußerlich legte man dabei auf gehobenen Stil wert. Die Markthalle von Vinohrady (Vinohradská tržnice) ist ein hübsches Beispiel dafür.

Das in der Vinohradská 1200/50 in Prag 2 gelegene Gebäude wurde 1902 von dem Architekten Antonín Turek erbaut. Der war Spezialist für den Neorenaissancestil, was er auch bei anderen Gebäuden in der Nähe bewies, so etwa das Nationalhaus von Vinohrady (früherer Beitrag hier).

IMG_3092Turek nutzte bei der Gestaltung des Äußeren hauptsächlich roten Ziegel und gelbem Stuck als Materialien, was das Ganze sehr markant aussehen lässt. Die klassischen Elemente, etwa die großen Thermenfenster,  fehlen natürlich nicht. Auf den beiden Vorderseiten zur Vinohradská und zur Slezská hin schmücken die skulpturalen Darstellungen von jeweils einem Marktverkäufer und einer Marktverkäuferin die Fassade (kleines Bild rechts, großes Bild oben).

Die schöne Neorenaissance-Fassade mit ihrem historistischen Charakter konkurriert auch ästhetisch mit der Modernität im Inneren, die mit der Modernität der Handelswelt korrespondierte. So antikisierend es von außen aussehen mag, es handelt sich um eine Stahlkonstruktion, die ganz IMG_3100und gar dem neuesten Stand der Bautechnik des Fin de Siècle entsprach. Die Modernität des Gebäudes wurde in folgenden Zeiten auch weitergetrieben. 1922 bekam es als eines der ersten Markthallen in Prag eine Klimaanlage eingebaut. Der Kommunismus – ein zivilisatorischer Rückschritt in jeder Hinsicht – tat dem Bauwerk allerdings nicht gut. Es verfiel zunehmend und musste in den 1980er Jahren geschlossen werden. 1986 richtete ein Feuer große Zerstörungen an. Nach dem Ende der roten Barbarei wurde die Markthalle 1994 wiederaufgebaut, aber nicht als Markthalle im alten Stil, sondern als kleines Einkaufszentrum mit stehenden Läden im höheren Preissegment (darunter ein Laden für Designmöbel). Seit 1994 nennt man es auch  nur noch Pavillon. Die Rekonstruktion des Gebäudes, die behutsam die Erfordernisse der neuen Nutzung mit den Anliegen des Denkmalschutzes kombiniert, wurde 2013 mit dem Czech-Grand-Design-Preis ausgezeichnet. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s