Niemals nicht nichts – nirgendwo nicht!

Nicneniproblem

Ob die Kunden ihre Rechnung bezahlen oder nicht – ist doch wurscht. Die machen so oder so nur Probleme, denkt wohl der Metzger, dem der kleine Lieferwagen gehört. „Nic není problém“, auf Deutsch wörtlich: „Nichts ist kein Problem.“ Was in korrektem Deutsch heißen muss: „Alles ist ein Problem.“ Aber nein, der Mann ist kein hoffnungsloser Pessimist, sondern wir dringen gerade in die Untiefen der tschechischen Sprache vor.

Für die Tschechen ist die doppelte Verneinung nämlich nicht eine effektive Bejahung wie im Hochdeutschen (und da gilt es meist als unelegante Ausdrucksweise). Vielmehr ist die Doppelung der Verneinung eine Verstärkung der Verneinung. Das, so weiß man, ist auch eines der Markenzeichen süddeutscher Dialekte. Im Bayrischen kann man es so weit treiben, dass man die fünffache Negation benutzt, um so richtig klar zu machen, was man nicht will: „Naa, koa Leberkaas hoama nia net g’hobt, hoama net!“. Dagegen kann man keinesfalls nichts einwenden, denn Psycholinguisten haben herausgefunden, dass Doppelnegationen das Hirn verunsichern, es dadurch aber auch beleben.

Auch im benachbarten Österreich taucht die doppelte Verneinung oft und gerne auf. Das hat uns erst zu der Annahme verleitet, dass die tschechische Doppelnegation vielleicht nur ein Ableger der österreichischen ist – ein Indiz habsburgischer Sprachnötigung sozusagen. Nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berge 1620 hätten demnach die armen Böhmen nicht nur dem Protestantismus, sondern auch der einfachen Verneinung abschwören müssen.

Das scheint aber nicht zu stimmen, denn die Doppelnegation findet sich in fast allen slawischen Sprachen und ist dort nicht ungewöhnlich – weder in Tschechien, das dereinst von Österreich beherrscht war, noch in Russland, das nie zu Kakanien gehörte. Und auch nicht in Polen (wo nur ein Teil, der heute größtenteils zur Ukraine gehört, dereinst kakanisch war), wie man bei der kleinen Reklametafel sieht, die ich letztens IMG_3216auf dem Warschauer Flughafen fand. Der Rennfahrer Nico Rosberg verkündet hier; „Nigdy nie jeździj po alkoholu.“ Wörtlich: „Fahren Sie niemals nicht nach Alkohol.“ Nach einem Gläschen Bier zuviel muss man sich also gerade dazu zwingen, sich ans Steuer zu setzen. Zu Fuß gehen ist nicht mehr. Naja, das hat Herr Rosberg natürlich nicht damit gemeint.

War es also vielleicht sogar umgekehrt? Haben die Österreicher gar den Sprachhabitus ihrer slawischen Untertanen übernommen? Und sickerte das Ganze dann über die Alpen nach Bayern durch, das ja wiederum auch an Tschechien grenzt? Ich weiß nicht nichts, oder in gut Tschechisch: nevím nic! Plausibel klingt es aber schon.

Der Metzger im Lieferwagen ist jedenfalls garantiert ein überschäumender Optimist. Was er uns eigentlich sagen will, ist: Für ihn ist nichts ein Problem. (DD)

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