Gegen den Sturm

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Sie ist vielleicht die berühmteste weibliche Persönlichkeit der tschechischen Geschichte, nicht nur, weil sich ihr Abbild sich auf dem 500-Kronen-Geldschein befindet und daher einfach jedermann bekannt sein muss. Die Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862) ist nicht nur in Prag allgegenwärtig. Sie ist so etwas wie die Nationalschriftstellerin.

IMG_2866Aus eher armen Verhältnissen stammend, hatte sie Dank der Förderung durch die Herzogin Wilhelmine von Sagan eine gute Bildung erhalten. Aus finanziellen Gründen drängte sie ihre Mutter in die Heirat mit dem wesentlich älteren Finanzbeamten Josef Němec. Die Ehe war unglücklich wie sie nur sein konnte, brachte aber ab und an eine gewisse finanzielle Stabilität in ihr Leben und eröffnete ihr den Kontakt zu den progressiven nationaltschechischen Zirkeln ihres Mannes – ein Milieu, das ihr zusagte und in dem sie sich eifrig politisch engagierte.

Es ist daher falsch, ihr schriftstellerisches Schaffen auf ihren bekanntesten Klassiker, den Roman Babička (Großmutter) zu reduzieren, ein etwas biedermeierlicher Rückblick auf eine idealisierte Kindheit auf dem glücklichen Lande (vielleicht ein Wunschbild der Autorin). Auch die von ihr veröffentlichten Sammlungen von tschechischen und slowakischen Volksmärchen, die ihr hierzulande einen ähnlichen Status verschafften, wie ihn die Brüder Grimm in Deutschland innehaben, sind nur ein Teil ihres recht vielseitigen Schaffens, zu dem auch die 1855 erschienene kurze Geschichte Kávová společnost (Kaffehausgesellschaft) gehörte, eine Satire auf die gesellschaftlichen Zustände im Habsburgerreich, die sich von den bekannten und eher gefühlsseligen Werken deutlich abhebt. Wie gesagt: Němcová war IMG_0969eine frühe Frauenrechtlerin und politisch engagierte Frau und setzte damit Maßstäbe für eine neue Generation von Frauen.

Ihr Grab fand die früh und auch verarmt Verstorbene natürlich auf dem nationalen Ehrenfriedhof Slavín auf dem Vyšehrad. Auf dem Sockel zeigt ihr Grab eine Szene aus dem IMG_0971Roman Babička, ihrem „Bestseller“. Weiter oben auf dem Obelisk ist eine Portraitmedaille von ihr.

Wer weiter nach Gedenkorten sucht, stößt an der Ecke Ječná/Lipová in der Neustadt (Prag 2) auf das Haus, in dem sie Babička 1854 IMG_7037vollendete. An der Wand im ersten Stock ist eine entsprechende Gedenktafel mit Portrait in Profilansicht angebracht (Bild links). Sie stammt aus dem Jahr 1957 und ist das Werk der Bildhauerin Eva Springerová.

Der bekannteste Gedenkort ist aber zweifellos das Denkmal vor dem Žofín Palast auf der Slovanský Insel (dazu früherer Beitrag hier). Pläne und Ausschreibungen für ein allfälliges Denkmal an jenem Palast, wo sie ihren ersten Ball besucht und die Bekanntschaft mit radikalen Kreisen gemacht hat, gab es schon in der Zeit der Ersten Republik, IMG_2867aber nach vielen Verzögerung kam es erst zu Beginn der kommunistischen Zeit 1948 zu einer Realisierung. Die fiel stilistisch etwas konservativ aus, zeigt aber Němcová in einer sehr passenden dynamischen Pose – gegen den Sturm laufend (siehe großes Bild oben). Der Bildhauer Karel Pokorný (Statue) und der Architekt Jaroslav Fragner (Sockel) waren für die Gestaltung verantwortlich.

Die schöne natürliche Parkanlage, in der das Denkmal steht, hätte ihr sicher gefallen. Es ist schon fast unnötig zu erwähnen, dass in Tschechien fast jede größere Stadt mindestens ein Němcová-Denkmal hat. (DD)

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