Bescheidener Held der Menschlichkeit

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Am Ende von Gleis 1 im Prager Hauptbahnhof steht ein kleines Denkmal, das an eines der grauenvollsten Kapitel der Menschheitsgeschichte erinnert, aber auch daran, was mutige und edle Menschen leisten können, um dem Grauen entgegenzutreten. Als im März 1939 die Nazis in Prag einmarschierten, ahnte der gerade dort anwesende britische Geschäftsmann Nicholas Winton, dass nun den Juden im Lande – und vor allem den wehrlosesten unter ihnen, den Kindern – Schreckliches widerfahren würde.

Von seinem Zimmer im Hotel Evropa (Beitrag hier) gründete er eine kleine Organisation, die Kindern die Ausreise ins sichere Großbritannien ermöglichen und neue Adoptiveltern finden sollte. Er musste die britischen Behörden überzeugen, sein Programm zu unterstützen und auch den niederländischen Staat, der zu diesem Zeitpunkt jüdische Flüchtlinge (auch wenn sie nur auf der Durchreise waren) nicht über die Grenze ließ. Das gelang am Ende. Schwerer muss ihm gefallen sein, mit den Nazis selbst zu verhandeln. Die ließen sich überreden, da zu diesem Zeitpunkt für sie noch eine Ausreise auch dem Zweck diente, ihr Einflussgebiet „judenfrei“ zu machen. Aber die Zeit wurde knapp. Dass irgendwann auch Großbritannien in den Krieg mit Deutschland eintreten würde, war absehbar. Und die Politik der Nazis gegenüber den Juden wurde immer brutaler – wie lange würden sie die Ausreisen noch genehmigen?

Am 1. September 1939 fuhr der letzte Zug mit 250 jüdischen Kindern vom Prager Bahnhof ab. Es war der Tag des deutschen Angriffs auf Polen – bald darauf sollte Großbritannien Hitlerdeutschland den Krieg erklären. An der Grenze wurde der Zug nicht mehr durchgelassen, die Kinder in die Konzentrationslager verschleppt. Die meisten von ihnen dürften schon bald ermordet worden sein.

Aber: Zu diesem Zeitpunkt hatte Winton immerhin schon 669 Kinder gerettet – möglicherweise sogar noch mehr. Vielleicht ist das Denkmal auch deshalb ein wenig unscheinbar, weil Winton selbst nie wollte, dass um seine wahren Heldentaten im Dienste der Menschlichkeit großes Aufheben gemacht werden solle. Es passt also irgendwie. Denn erst als 1980 seine Frau im Speicher Notizen ihres Mannes dazu fand, wurde ihr klar, was er an Großartigem geleistet, aber nie erwähnt hatte. Es dauerte dann noch einmal acht Jahre bis 1988 eine BBC-Sendung im Fernsehen Wintons Heldentaten einer größeren Öffentlichkeit bekannt machte. Da er da noch eine gesegnete und verdient hohe Lebensspanne vor sich hatte – er wurde 106 Jahre alt! -, konnte er noch unzählige Ehrungen entgegennehmen. Der tschechische Präsident Václav Havel verlieh ihm 1998 den höchsten Orden des Landes, den Masaryk-Orden. Und Königin Elisabeth II. schlug ihn 2002 zum Ritter.

Das kleine Denkmal, das Winton zeigt, wie er mit Koffer ein Kind begleitet und ein anderes auf dem Arm trägt, wurde schon unmittelbar nach dem Tode Wintons im Jahre 2015 aufgestellt. Gestaltet wurde es von der in London lebenden venezolanischen Bildhauerin Flor Kent. Es ist Teil eines grenzübergreifenden Projekts, dass die europäische Dimension der Kinderrettungsaktion aufzeigen soll. Ein dazu gehörendes Denkmal der selben Künstlerin steht noch in Wien, wo die Züge zwischenhielten. Und dort, wo die Kinder den rettenden britischen Boden betraten, am Londoner Liverpool Station, befindet sich ebenfalls ein Denkmal, diesmal gestaltet von dem Londoner Bildhauer Frank Meisler. So wurde Winton doch ein in aller (von ihm gewünschten) Bescheidenheit ein Vielgeehrter. Niemand hat es so sehr verdient wie er. (DD)

 

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