Außen Gotik, innen Barock

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Etwas eingeklemmt in die engen Straßen der Altstadt ist sie, die Kirche St. Ägidius (Kostel sv. Jiljí). Deshalb sollte man, wenn man die Husova heruntergeht, ab und an nach oben IMG_2850schauen, damit man sie in ihrer Pracht nicht übersieht. Mit ihrem beiden 58,5 bzw. 43,5 Metern hohen Türmen ragt sie fast unerreichbar hoch über den Köpfen der dort umherpromenierenden Touristen in den Himmel.

Ursprünglich stand hier ein romanischer Bau, der aber im Jahre 1371 durch einen gotischen ersetzt wurde. Kaiser Karl IV. selbst war bei der Einweihung dieses bis dato größten Kirchenbaus der Altstadt dabei. Nach den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert, in deren Verlauf sie schwer beschädigt wurde, war Böhmen ein religiös recht tolerantes und pluralistisches Land. Das Gebäude diente nun den gemäßigten Hussiten, auch Utraquisten genannt, als Gotteshaus. Das währte friedlich so bis zur Niederlage der böhmischen Stände gegen die katholischen Habsburger bei der Schlacht am Weißen Berg (siehe hier) im Jahre 1620. Die Sieger beendeten das vielfältige religiöse Miteinander im Lande und katholisierten es brutal von oben. 1625 wurde die Kirche folglich den Dominikanern vom Kaiser als Klosterkirche übereignet.

IMG_2837Langfristig hatte diese religiöse Neuorientierung auch eine architektonische zur Folge, denn mit der Gegenreformation zog statt der utraquistischen Bescheidenheit endgültig der barocke Pomp ein. 1731 gestalteten die Baumeister Ferdinand Špaček und František Maximilian Kaňka   den Innenraum der Kirche grundlegend um. So sieht die Kirche heute von außen noch mittelalterlich, von innen aber überwältigend barock aus, was im Laufe der Zeit mit vielen gotischen Kirchen in Prag geschah. Dazu gehört vor allem auch der vom dem Maler und Bildhauer Franz Ignaz Weiss, einem der Hauptvertreter des Böhmischen Barock, gestaltete Hauptaltar (Bild rechts). Aber auch die Deckenmalereien und vor allem die ungewöhnlich prall lebensfreudigen Skulpturen (großes Bild oben) auf den Nebenaltären machen die Kirche zu einem kleinen Juwel.

IMG_2843Immerhin haben Restauratoren in den 70er Jahren auch noch Reste von mittelalterlichen Fresken (Bild links) freigelegt, die man sich vor allem im Eingangsbereich anschaiuen kann. Das vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie die Kirche vor 1731 innen ausgesehen haben mag.

Das Kloster gehört zu den wenigen seiner Art, das nicht von Kaiser Josef II. in den 1780er Jahren enteignet wurde. Die Dominikaner sind hier – mit der unerfreulichen Unterbrechung durch den Kommunismus zwischen 1950 und 1990 – stets als Orden aktiv geblieben. Neben ihrer Funktion als Klosterkirche nutzt heutzutage noch die polnische katholische Gemeinde St. Ägidius für ihre Gottesdienste.

Ach ja, die Kirche diente auch als Drehort für den berühmten Mozart-Film Amadeus aus dem Jahre 1984, und zwar für die Szenen der Heirat mit Konstanze und der Totenmesse für den großen Komponisten. (DD)

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