Melancholie vor dem Außenministerium

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Er hätte sich vielleicht einen glücklicheren Platz in der Geschichte gewünscht, aber immerhin dürfte er mit dem Platz seines Denkmals zufrieden sein. Edvard Beneš war zusammen mit dem ungleich charismatischeren Tomáš Garrigue Masaryk einer der Architekten der tschechoslowakischen Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Als Außenminster half er wie kein anderer, die Demokratie im Lande außenpolitisch abzusichern. Er hielt die prosperierende Republik auf einem solide IMG_1642anti-bolschwistischen Kurs. Als Masaryk 1935 starb, war er der natürliche Nachfolger im Amt des Präsidenten. Zu diesem Zeitpunkt näherte sich jedoch die innen- und außenpolitische Glücksträhne der Tschechoslowakischen Republik ihrem Ende. Die Weltwirtschaftskrise forderte vor allem bei den Sudetendeutschen einen hohen Zoll, die deutschen Nationalsozialisten nutzten dies, um die deutsche Bevölkerung im Lande aufzuwiegeln – ein sich ständig eskalierender Konflikt. Am Ende ließen ihn die außenpolitischen Verbündeten England und Frankreich im Stich und setzten im Münchner Abkommen 1938 eine Zerstückelung des Landes zugunsten Hitlers Machtstreben durch. IMG_1643Als die Republik 1939 engültig zerschlagen wurde, setzte sich Beneš im englischen Exil für die Wiederherstellung der Republik ein.

Nach dem Sieg über die Nazis wurde er 1945 wieder Präsident. Die Vertreibung der Deutschen (Beneš-Dekrete) aus dem Lande – zum Großteil eine Umsetzung alliierter Beschlüsse – wurde verschärft umgesetzt. Obwohl er später ab und an durch zahlreiche Erlasse eine ordnungsgemäße und humane Durchführung zu realisieren versuchte, kam es zu unzähligen Grausamkeiten, die mit seinem Namen verbunden werden und ihn zur umstrittenen Figur machten. Unter dem Druck der sowjetischen IMG_1641Miltärmacht im Lande musste er 1948 den Rücktritt der mit ihm verbündeten bürgerlichen Regierungsmitglieder zustimmen und somit der kommunistischen Machtübernahme den Weg bereiten. Es war kein schöner Abschluss seines politischen Werdegangs. Er trat zurück und starb – in völliger Verbitterung – schon kurz darauf. Das zweite Mal hatte er als Staatsoberhaupt den Untergang der Demokratie im Lande nicht verhindern können.

Der vom historischen Unglück verfolgte Staatsmann hat sein Denkmal in Prag an jenem Ort gefunden, wo er politisch seine glücklichste Zeit verbracht hatte – vor dem Gebäude des Außenministeriums im Černín IMG_1639Palais, wo er so lange erfolgreich gewirkt hatte.

Geschaffen wurde das Denkmal nach einem schon zu Beneš‘ Lebzeiten und am lebenden Modell ausgeführten Entwurf des Bildhauers Karel Dvořák (zu ihm ein früherer Beitrag hier) in den Jahren 1947/48. In kommunistischer Zeit war aber an die Aufstellung eines Denkmals für den bürgerlichen Demokraten Beneš nicht zu denken.

Und so steht er also erst seit 2005 auf seinem Sockel und schaut dabei ein wenig melancholisch drein – so als ob er darüber nachdenke, welche Grausamkeiten das Schicksal einem Wohlmeinenden zufügen kann. (DD)

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