Der Chronist der Kleinseite

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1845 eröffnete sein Vater hier einen Tabakladen. Bis 1857 sollte Tschechiens großer Schriftsteller und Journalist Jan Neruda hier in dem Haus zu den zwei Sonnen (Dům U dvou slunců) auf der Kleinseite direkt im Schatten der Burg leben. Das Leben dort prägte ihn und sein Werk zutiefst.

IMG_1638Um das festzustellen, braucht man nur seine Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské) zu lesen, eine Sammlung von Erzählungen, die Neruda zwischen 1867 und 1877 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, und die er 1878 als Buch herausgab. Dem Realismus in der Literatur verpflichtet, wollte Neruda dort das die Schicksale und das Streben der Menschen vor Ort wirklichkeitsgetreu widerspiegeln. Neruda war so etwas wie der literarische Chronist des Stadtviertels. Legt man das zu Grunde, dann war die Gegend, in der Neruda damals aufwuchs, eher arm oder kleinbürgerlich geprägt. Die Zeiten ändern sich. Heute ist hier wohl eine der teuersten Wohngegenden Prags. IMG_1787Die bescheidene Kneipe „Zum Steinitz“ (U Štajniců) in der Mostecká unten bei den Altstädter Brückentürmen (ganz kleines Bild links) aus der im Jahre 1875 geschriebenen IMG_1632Geschichte über die Herren Ryšánek und Schlegl, die dort über Jahre abends nebeneinander sitzen und nicht miteinander reden, ist heute ein eher teuerer Bioladen, der sich an die Kaufkraft der vielen vorbeischlendernden Touristen wendet.

Auch das Haus des bescheidenen Tabakhändlers ist heute ein blitzblank in Stand gehaltenes Juwel (Bild rechts), das sich ein Mann wie Nerudas Vater möglicherweise nicht mehr leisten könnte. Ursprünglich ein Renaissancebau, wurde das Haus im 17. Jahrhundert stark barockisiert. In Nerudas Zeiten hieß die Straße noch Spornergasse, weil dort im Mittelalter das Viertel der Sporenmacher lag. Heute lautet die Adresse Nerudova 233/47 – die IMG_1634Straße wurde schon kurz nach dem Tod des großen Literaten dann auch nach ihrem berühmtesten Bewohner benannt.

1895 – vier Jahre nach Nerudas Tod – spendierte zudem eine Prager Vereinigung fúr Denkmalspflege eine große allegorisch verzierte Plakette (großes Bild) mit einer Inschrift, die daran erinnert, dass Jan Neruda hier lebte und auch seine literarische Laufbahn begann. Angefertigt wurde die große bronzene Tafel gemeinsam von den Bildhauern Viktor OlivaVincenc Rupert Smolík und František Houdek, die sich hier eines zeitgemäßen Jugendstils bedienten. Das Dreieck über der allegorischen Figur könnte, so meine Interpretation, möglicherweise eine Anspielung darauf sein, dass Neruda Freimaurer war. (DD)

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