Tschechiens großes Kino

IMG_1809

Auch ohne das umwerfende Kino wäre das ganz in der Nähe des Wenzelsplatzes gelegene Luzerna Palais (Palác Lucerna) schon für sich genommen eine kleine historische Sensation. 1906 begann der Großvater des späteren Präsidenten Václav Havel mit dem Bau eines Multifunktionshauses, das die erste großstädtische Einkaufspassage des Landes IMG_1815beinhalten sollte. Die neuartige Eisen-Beton-Konstruktion galt als geradezu revolutionär. Die Moderne zog glitzernd und glänzend in Prag ein. Aber das am 3. Dezember 1909 fertiggestellte Kino war es, was dann den Ort wirklich berühmt machen sollte – zurecht!

Im Grunde sind es zwei Kinosäle mit verschiedenen Eingängen. Tritt man von der Stěpanská aus in die ästhetisch irgendwo zwischen Jugendstil und Art Déco angesiedelte Passage mit den Design des Bildhauers Václav Prokop im Eingangsbereich, dann findet man gleich links den Eingang zur legendären Großen Halle des Palais, die für Konzerte bis zu 4000 Zuschauern Platz bietet, aber auch als Ballsaal dient.

Vorbei an schicken Läden und Restaurants und einer Kunstgallerie (im ersten Stock) kommt man weiter innen zum großen zentralen IMG_1819Kuppelsaal der Passage. Dessen Konstruktion aus Stahl und speziell verstärktem Glas wäre schon für sich genommen äußerst sehenswert. Das Treppenhaus (Bild links), das zu der im ersten Stock gelegenen, seltsamerweise Café (Kavárna) genannten Kinobar ist das, was man heute einen Hingucker nennt. Bei Filmpremieren ist das zugleich der Ehrenaufgang für die großen Stars, die sich hier die Ehre geben und durch Gedränge und Kamerablitze bewegen müssen.

Die Bar, IMG_1818die allerdings ein etwas übersichtliches Getränkeangebot bietet und auch keine Speisen dazu (außer Kleinsnacks wie Erdnüsse), befindet sich im ersten Stock des Kuppelsaals und hat eine breite Fensterfront, die – über ein Glas Bier oder Wein hinweg – einen Blick über die Passage in ihrer ganzen Pracht erlaubt. Wegen des Ausblicks lohnt sich ein Besuch, wenn man sich für einen Drink einen Fensterplatz ergattern kann. Die Pracht der Passage fällt den Besuchern auf den ersten Blick gar nicht so auf, denn: Heute wird der ganze Kuppelsaal noch einmal durch die recht schräge parodistische IMG_0276Version des Wenzelsdenkmals des zum anarchischen Humor tendierenden David Černý aus dem Jahr 1999 aufgewertet, die seither der zentrale Blickfang des ganzen Palais ist  – Wenzel auf einem an allen Vieren aufgehängtem toten Pferd (siehe früheren Beitrag hier). Der lenkt von den anderen Attraktionen ein wenig ab. Daneben ist nun endlich der Eingang zu den beiden Kinosälen. Die Treppe, die zu ihnen hinaufführt, ist pompös und erlaubt aus den Fenstern noch einmal den Blick auf den Kuppelsaal und den Wenzel mit seinem toten Pferd aus einer ungewohnten Perspektive von seitlich oben.

IMG_0280Ganz oben befindet sich der Maly Sál (Kleiner Saal). Der Saal selbst ist, wie der Name sagt, klein und auch keine architektonische Besonderheit. Das mag damit zusammenhängen, dass er erst 2013 eingerichtet wurde als die Zeit des großen Kinopomps schon lange vorbei war. Aber die Bezüge der insgesamt nur 51 Sitze mit den Portraits berühmter internationaler und tschechischer Stars des Kinos sorgen dafür, dass auch hier eine gewisse Originalität eingezogen ist.

Aber nun zum Prunkstück, dem Velky Sál (Großer Saal). Seit 1909 läuft hier Kino. Es ist das älteste noch funktionierende Kino des ganzen Landes. 1929 wurde hier  der erste Tonfilm im Lande aufgeführt. Bis heute finden fast alle wichtigen tschechischen IMG_1808Filmpremieren hier statt. Dann tummeln sich die Stars im Palais. Kurz: Dieser Saal, der rund 450 Zuschauer fasst,  ist das tschechische Kino schlechthin.

Dazu trägt natürlich auch die Ästhetik der Saaldekoration bei, die man bei moderneren Kinobauten meist vermisst. Es handelt sich dabei um eine etwas wilde Mischung von Art Déco und Neobarock. Die moderne Architektur gibt mit ihren Stahlstreben die Raumstruktur vor, während IMG_1810sozusagen die Zwischenräume mit Barockengeln und Rocaillen ausgefüllt wurden. Der Mix macht den Raum zu etwas besonderem.

In kommunistischen Zeiten war der ganze Lucerna-Komplex, also auch das Kino, verstaatlicht. Nach der Samtenen Revolution wurde er aber wieder an die Familie Havel zurückgegeben.

Heute lohnt es sich, erst einmal ein wenig durch die Passage zu schlendern, um dann ins Kino zu gehen. Es werden dort im Programm nicht nur tschechische, sondern auch viele englischsprachige Filme (mit tschechischen Untertiteln) angeboten. Irgendwie ist das Kino aber auch als solches so schön, dass man auch einmal reingehen kann, ohne den Film so richtig zu verstehen.

Geht man nach dem Kino – ganz gleich, ob im kleinen oder großen Saal – diesmal auf der anderen Seite der Passage, an der Vodičkova, heraus, dann passiert man weitere Läden und die Hospoda Lucerna, ein Keller-Restaurant, (mit gottlob nicht hörbarer Disco im Nebenraum), das ein wenig den Flair der 20er Jahre widerzugeben versucht, jene Zeit als die große Kinowelt des Luzerna Palais zu glänzen begann. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s