Landschaftsgarten mit Freizeitwert

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Selbst in seiner heutigen Gestalt lässt der Cibulka-Park im westlichen Stadtteil Motol (Prag 5) erraten, dass dies einmal einer der wunderschönsten englischen Gärten des Landes war. Der Schöpfer dieses Landschaftsgarten war der Passauer Fürstbischof Leopold Leonhard Raymund Graf von Thun und Hohenstein.

Der war ein ausgesprochen aufgeklärter Herrscher dort. Er hatte schon kurz nach seiner Weihung im Jahre 1796 als einer der ersten deutschen Fürsten in seinen Landen die Todesstrafe abgeschafft. Mit der Säkularisierung der deutschen Fürstbischoftümer im Jahre 1803 – ein Vorbote der Auflösung des Reiches im Jahre 1806 – konnte er sich hingegen nicht abfinden. Sein Kirchenamt wollte er weiter ausüben und überhaupt ein wenig weiterregieren. Es kam zu schweren Spannungen. IMG_1714Der Bischof verließ den Ort und kümmerte sich nicht mehr um seine Schäfchen dort. Über Jahre lag das Kirchenleben in Passau brach.

Dafür hatte Graf Leopold nun in seinen Ländereien in Böhmen bei Prag (heute in Prag) Zeit und Muße, sich um den heimischen Garten zu kümmern, der ja auch recht groß war. Er lag auf dem Gebiet eines ehemaligen Weinbergs aus der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. 1817 kaufte der Graf das Areal und baute zunächst eine schlossartige Villa im damals modernen Empirestil darauf und legte dann einen Garten mit allen Schikanen an – Auen, Wälder, Seen, Statuen, Tempel, Pavillons, Türme – nichts, was zu einem englischen Landschaftsgarten gehört, fehlte. Und vieles davon – wenngleich nicht alles und dann auch nicht immer in gutem Zustand – gibt es noch immer.

IMG_1715Nach dem Tod des Grafen gab es noch zahlreiche andere Besitzer, die aber wenig Nennenswertes hinzufügten. Leichter Verfall setzte ein. 1891 wurde eine Eisenbahn quer durch das Gelände gelegt, die das ganze Gebiet heute begrenzt und ein wenig wie eine schwärende Wunde im Park wirkt. Die Aufrechterhaltung des Parks war am Ende so teuer, dass er 1922 an die Gemeinde verkauft wurde, die aber den Verfall auch nicht aufhalten konnte. Richtig bergab ging es unter dem Kommunismus. Statuen wurden gestohlen, Vandalen nicht an ihrem Tun gehindert.

Seit dem Ende der roten Gewaltherrschaft geht es immerhin wieder aufwärts – wenngleich auch sehr, sehr langsam. IMG_1717Zunächst die schlechten Nachrichten. Die Villa stand lange leer und wurde nach dem Ende des Kommunismus erst von Obdachlosen, dann von Hausbesetzern übernommen. Sie gehört nicht der Gemeinde und fällt daher nicht unter den Renovierungsplan. Man kann sie nicht betreten. Allenfalls ein paar marginale Stabilisierungsmaßnahmen (die meisten Fenster wurden zum Schutz zugemauert) sind sichtbar. Traurig.

IMG_1750Ähnliches gilt auch für das optische Schmuckstück der ganzen Anlage, dem Chinesischen Turm, der sich pagodenförmig auf einem Hügel neben der Villa erhebt. Die Statuen im chinesischen Stil, die ihn einst umgaben, wurde zerstört oder gestohlen – ebenso das Kupferdach. Seit Jahren ist er provisorisch umzäunt, weil er sonst noch mehr dem Vandalismus anheim fiele. Von weitem (Bild links) sieht er immer noch beeindruckend aus und man kann nur hoffen, dass seiner Not irgendwann ein Ende bereitet wird und er in neuem Glanze erstrahlen kann.

IMG_1730IMG_1725Der schöne pseudo-mittelalterliche Turm mit seinen pittoresken künstlichen Ruinen, der aus dem Wald ragt, ist hingegen wieder bestens in Stand gesetzt. Das schöne Beispiel gelungener Ruinenromantik lässt sich besteigen und von oben kann man die Aussicht über den ganzen Park genießen, der trotz seiner Verkleinerung seit dem Bau der Eisenbahn immer noch recht stattlich groß ist.

IMG_1740Unterhalb des Turmes findet sich in einen schönen Torbogen gefügt, eine Statue, die den von Schlangen bedrohten Laokoon darstellt. Weiter unten findet man die Statue der Jadggöttin Diana – passend für einen Park, der sicher seinem Besitzerauch als Jagdrevier diente (Bild links). Weiter entfernt findet sich oberhalb eines kleinen Teiches die Statue des Göttervaters Jupiter (großes Bild oben). Viele der (nur noch zum Teil vorhandenen) Statuen im Garten sind das Werk des bayerischen Bildhauers Joseph Bergler.

Überhaupt findet man bei den Dekorationen des Parks einen schönen Stilmix. Die chinesische Pagode, der mittelalterliche Turm, die klassischen Statuen. Hinzu kommt noch ein Schuss IMG_1729englische Windsorgotik, wie es sich für einen Landschaftsgarten im englischen Stil auch gehört.

Ein hübsches Beispiel dafür ist das kleine Forsthaus (Bild links) neben dem Aussichtsturm, das durch seine Zierlichkeit besticht.

Stilistisch ähnlich ist auch die kleine Einsiedelei gestaltet, in der heute ein Holzschnitzer seine Arbeiten vorstellt. Ein IMG_1745Einsiedler hat dort allerdings sicher nie gelebt. Auch dieses kleine Bauwerk ist inzwischen tadellos restauriert worden.

Diese und andere kleine Kunstwerke machen zusammen mit der schönen Garten- und Waldlandschaft den Cibulka-Park zu einem kleinen Naherholungsgebiet für die Prager. Nicht-Prager bzw. Nicht-Tschechen sieht man eher selten. Zwar ist de Park eine überaus sehenswerte Attraktion, aber ein wenig außerhalb der Touristenzentren gelegen. Er hat anscheinend noch nicht den IMG_1744genügenden und verdienten Bekanntheitsgrad erlangt. Für die an Wochenendtagen hier Spazieren gehenden Städter hat die Gemeinde allerdings alles getan, um den Erholungswert des Geländes zu erhöhen. Neben der Landschaft und den Kulturgütern gibt es auch geeignete Orte, die Freizeit angenehm zu gestalten. Ein Spielplatz (Bild links) und Picknick- bzw. Grillplätze sind gelungen in das Areal integriert. Ein Grund mehr, sich in die Tram zu setzen, und einmal ein paar Stunden im Cibulka-Park zu verbringen. (DD)

Nachtrag 25. Dezember 2019: Die Renovierung des Chinesischen Turms ist fast abgeschlossen. Schön!

Nachtrag April 2021: Das Gutshaus wurde gerade von der gemeinnützigen Stiftung eines finanzstarken Investors und Philanthropen erworben, der hier eine Palliativklinik für Kinder einrichten will. Ein nobles Vorhaben, das auch dazu führren wird, dass das Gebäude endlich renoviert wird. In jeder Hinsicht eine gute Nachricht!.

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