Gewerbefleiß im Neorenaissancebau

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Zwischen 2015 und 2017 war das Kunstgewerbemuseum in Prag (Uměleckoprůmyslové museum) wegen umfangreicher Renovierungsarbeiten geschlossen. Jetzt ist es in unglaublicher Pracht wiederauferstanden. IMG_1611Nicht nur die Sammlungen, sondern schon das Gebäude selbst ist einen Besuch wert.

Ende des 19. Jahrhundert war Böhmen der industrialisierteste Teil des Habsburgerreichs und entsprechend stolz waren die Tschechen auf ihre Leistungen. Deshalb förderte die Handels- und Gewerbekammer Prag 1885 die Einrichtung eines Kunstgewerblichen Museums, in dem industrielles Design aus Böhmen präsentiert werden sollte. Zunächst gab es einige Sammlungen im Rudolfinum (siehe früheren Beitrag hier). Schließlich beschloss man, in den Jahren von 1897 bis 1899 nach Plänen des Prager Architekten Josef Schulz einen Neubau zu errichten. Der wurde 1900 eröffnet. Der Prachtbau in Neorenaissance wurde von den Bildhauern Antonín Popp und Bohuslav Schnirch ebenso prachtvoll in Neorenaissance ausgestaltet.

IMG_1615Der tschechische Gewerbefleiß fand in den Hallen des Museums seinen schönsten öffentlich zugänglichen Ausdruck – bis 1939 die Nazis kamen und ein Planungsbüro für die Kriegsflugzeugproduktion einrichteten. 1949 wurde dann die Handels- und Gewerbekammer durch die Kommunisten enteignet, die das mit Kriegsende wiedereröffnete Museum nun staatlich weiterbetrieben und 1959 dem Nationalmuseum angliederten, aber 1970 wieder zu einer eigenständigen Einheit machten. 1970 bis 1985 renovierten sie das Gebäude. Nach der Samtenen Revolution IMG_1623(genauer: 2001) wurde die Sammlung ein wenig modernisiert bis dann die Grundsanierung von 2015 erfolgte.

Seit der Wiedereröffnung 2017 gibt es nun keine permanente stehende Sammlung mehr, vielmehr beherbergt das Gebäude nun qualitativ hochwertige kunstgewerbliche Sonderausstellungen. Feste Sammlungen gibt es allerdings an einigen Außenstellen, etwa in Česká Skalice (Textilien), Kamenice nad Lipou (Möbel) oder Klášterec nad Ohří (Porzellan).

Als wir es zum letzten Mal besuchten, gab es u.a. eine kleine Ausstellung über Schachspiele des 18. und 19. Jahrhundert, wo man unter anderem dieses Schachspiel aus der zweiten Hälfte des IMG_161819. Jahrhunderts sehen konnte, bei dem der Turm in Form des Turms an der Karlsbrücke präsentiert wird (kleines Bild oben rechts). Dauerhaft scheinen nur einige wenige Objekte aus der Wunderkammer des barocken Habsburgerkaisers Rudolf II. (unteres kleines Bild links eine Tabernakeluhr) ausgestellt zu werden.

Aber, wie gesagt, das Gebäude selbst ist schon den Besuch wert. Überbordende Renaissanceornamentik, elaborierte bunte Glasfenster mit allegorischen Darstellungen, opulente und schwülstige Ölgemälde mit Darstellungen des Gewerbefleißes (mit auffallend vielen nur leicht oder gar nicht bekleideten Damen…) und großartige Raumperspektiven in den Treppenhäusern (großes Bild oben) hauen den Besucher glatt um. Und das noch alles tiptop und wie gelackt restauriert! Ein Juwel der Museumsarchitektur entfaltet wieder seine volle Wirkung. (DD)

 

 

 

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