Kubismus für Hus

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Heute in der Jan-Hus-Tag. Seit 1925 ist der 6. Juli hierzulande (ein arbeitsfreier) Nationalfeiertag. An jenem Tag im Jahre 1415 wurde der Kirchenreformator Jan Hus auf dem Konzil in Konstanz qua Justizmord als Ketzer verbrannt. Dieses geschichtsträchtigen, aber traurigen Ereignisses gedenkt man heute.

Rechtzeitig ein Jahr bevor sich 1915 der 500. Todestag dieses Ereignisses jährte, weihte man in Žižkov in der Prokopova 2856/10 eine Kirche zu seinem Gedenken ein – die Betlémská Kaple (Bethlehemskapelle). Die architektonische Botschaft dieser Kirche war ebenso innovativ wie es die theologischen Botschaften Jan IMG_3082Hus‘ dereinst gewesen waren. Und auch der Name knüpfte bewusst an jenen Ort an, wo Hus damals seine Predigten zu halten pflegte, der Bethlehemskapelle in der Altstadt (früherer Beitrag hier). Um die Message ganz klar zu platzieren, steht über dem Eingang (neben einer Büste Hus‘) in großen Lettern gemeißelt, dass diese Kapelle ein Denkmal zum 500 Jahrestag des Märtyrertods des Magisters Jan Hus sei.

IMG_3083Emil Králíček, der Architekt, der 1911 mit dem Bau der Gemeindekirche beauftragt wurde, war zu dieser Zeit ein architektonischer Revolutionär, der den damals modernen Jugendstil zugunsten des noch moderneren Kubismus zu ersetzen trachtete (siehe früheren Beitrag hier). Der Kubismus bediente sich einer wesentlich strengeren und weniger ornamentalen Formensprache als frühere Architekturstile. Auch bei der Kapelle dominieren die typisch kubistischen geometrischen Formelemente. Damit konnte der Architekt auch die Botschaft IMG_3084Hus‘ visuell umsetzen, die die Kirche von jedem Pomp und Machtstreben reinigen und zur Schlichtheit des ursprünglichen Christentums zurückkehren wollte.

Das Areal war so sandig, dass erst eine riesige Betonplatte gegossen werden musste auf der die Kirche nun sicher ruht. Aller Schwierigkeiten zum Trotz konnte die Kirche schon 1914 geweiht werden. Sie wirkte zunächst noch schlichter als sie es heute tut, denn im Grunde hatte Králíček nur eine Gebetshalle ohne Turm gebaut, was den hussitischen Charakter des Gebäudes unterstrich. Dadurch war im Kern der heute noch sichtbare und auf einer Bibel stehende Kelch der höchste Punkt der Fassade. Beide symbolisieren IMG_3090Kernelemente des Hussitentums, die Rückkehr der Kirche zum biblischen Wort und das Abendmahl mit dem Laienkelch für die Gemeinde.

Das änderte sich als die befreundete evangelische Gemeinde aus der Schweiz, genauer aus Balgach bei St. Gallen, der hiesigen Gemeinde eine schöne Glocke schenkte. Also musste ein Glockenturm her. Der wurde 1938 durch den Architekten Bohumil Kozák vollendet und veränderte den Gesamteindruck des Gebäudes, wenn auch eher behutsam.

IMG_3087In den 1970er Jahren beschlossen die Kommunisten, den ganzen Stadtteil Žižkov mit ihrer Plattenästhetik neuzugestalten. Dem fiel eine große Menge schöner alter Bausubstanz zum Opfer und beinahe wäre die Kirche auch der Abrissbirne anheimgefallen. Der Pfarrer František Potměšil aber kämpfte mit Inbrunst um seine Kirche. Er erreichte 1975 nicht nur, dass die Kirche vom Abriss verschont blieb, sondern dass sie auch als nationales Kulturdenkmal unter Schutz gestellt wurde. Heute ist sie zwar von modernen Wohnblocks geradezu umzingelt (tatsächlich steht sie jetzt in einem Hinterhof, so dasss man sie als Passant leicht übersehen kann), steht aber  noch völlig intakt da. Hus hätte seine Freude dran. (DD)

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