Kompendium der frühen Moderne

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Der Kubismus hat in Prag noch eine Sonderform hervorgebracht: den Rondokubismus (siehe auch hier und hier). Mit kubistischen Formelementen versuchte man dabei traditionalistische oder folkloristische Anspielungen in die Architektur einzubringen. Daraus sollte sich eine Art tschechischer „Nationalstil“ entwickeln. Als ein auffallend IMG_1465pompöses Beispiel dafür gilt der Adria Palast (Palác Adria) am Jungmann Platz. Aber der hat noch mehr zu bieten als Kubismus.

Das riesige Gebäude, das entfernt an einen venezianischen Palast im klassischen Renaissancestil erinnern soll, wurde zwischen 1923 und 1924 von den Architekten Josef Zasche und Pavel Janák gebaut, und zwar als Zentrale einer italienischen Versicherung, die den Namen Adriatica trug – daher der Name des Bauwerks. Es beherbergte aber schon von Anfang an ein Kino, Büros und ein Café/Restaurant.

IMG_1457Ja, der Kubismus ist von außen sichtbar, vor allem seine rondokubistische Ausformumg. Was dem unachtsam Vorbeigehenden zunächst nicht auffällt: Die auf den ersten Blick vermeintlich klassisch-venezianischen Palastfenster an der großen Fensterfront setzen sich in Wirklichkeit aus völlig unklassischen geometrischen Elementen (Dreiecke, Kreise) zusammen. Typisch rondokubistisch wiederum ist die üppige Ausschmückung mit Skulpturen – vor allem am IMG_1459Haupteingang der Passage innen im Gebäude. Sowohl die großen allegorischen Kolossalfiguren, die das Eingangportal tragen, als auch die zierlicheren weiblichen Figuren, die ebenfalls durch kubistische Stilmittel auf klassische Renaissanceskulpturen anspielen, stammen von Otto Gutfreund, dem damals bekanntesten Bildhauer des Kubismus. Sie umringen das Gebäude rundum an beiden Straßenseiten im ersten Stock.

IMG_1455Drinnen findet man dann alerdings einen Mix aller damals modernen Baustile. Der Adria-Palast ist fast so etwas wie ein in Stein gegossenes Kompendium der frühen Moderne. Die Gestaltung der Passage innen ist in reinstem Art Déco gehalten – im rondellförmigen Eingangsbereich fast schon zu einem sachlich-strengen Funktionalismus übergehend – sichtbar (Bild rechts).

IMG_1448Drinnen befinden sich einige Läden. Ein Seitenflügel der Passage, in dessen ersten Stock sich eine Kunstgalerie befindet (die „Gallerie der Kritiker“) befindet sich eine kolossal ausgestattete Uhr mit Skulturen des für seinen Spät-Jugendstil berühmten Bildhauers Bohumil Kafka – einem Rodin-Schüler. Sie stellen astronomische Symbole dar, Sonne, Mond und die 12 Tierkreiszeichen. Fertiggestellt wurde die eindrucksvolle Uhr im Jahre 1925.

Wo man gerade von Skulpturen redet: Eher etwas symbolistisch angehaucht mutet wiederum die bronzene Figurengruppe oben an der Frontseite zur Nationalallee. Sie ist ein Werk des Bildhauers Jan Štursa. Die genaue Bedeutung der Allegorie ist nicht bekannt, da die Aufzeichnungen dazu verloren gingen, heißt es. Štursa bediente sich dabei einer neuen Technik. IMG_1462Statt Guß verwendete 1927 er die relativ neue Technik der Galvanoplastik an. Sie ist möglicherweise die größte Statue, die je in dieser Technik angefertigt wurde – fünf Meter hoch und fast 4 Tonnen schwer. Eine deutsche Spezialfirma musste es extra für das Gebäude anfertigen.

Und nun zum Inneren: Hat man einmal die Gelegenheit, anlässlich einer Tagung oder ähnlichem eines der IMG_1449Treppenhäuser hinaufzusteigen,  wird man wieder mit einem schlichten und klaren Art Déco-Stil konfrontiert.

Ob man die Gesamtkomposition des Gebäudes in seiner leichten Überladenheit ganz hundertprozentig für gelungen hält, bleibt jedermanns eigenem Geschmacksempfinden voll und ganz überlassen. Aber man kann kaum bestreiten, dass es sich um ein beeindruckendes architektonisches Denkmal der Moderne handelt, das geradezu zwingend zu einer ausführlichen Erkundungstour durch die Stilwelt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einlädt. Dass es 1996/1997 nach der üblichen Vernachlässigung in den Zeiten des Kommunismus wieder gründlich renoviert wurde, trägt zum Vergnügen eindeutig bei. (DD)

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