Die Sammlung des Revolutionärs: Das Náprstek-Museum

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Dem Thema der Ethnologie widmet das Prager Nationalmuseum gleich zwei Museumsbauten. Das eine – draußen am Petřinberg gelegen – ist die Sammlung tschechischer Volkskunst und -kultur im Kinsky-Park (siehe Beitrag hier). Das andere widmet sich außereuropäischen Kulturen und liegt so richtig im Herzen der Altstadt – das Náprstek-Museum der asiatischen, australischen und amerikanischen Kultur.

Nicht nur den Namen, sondern auch seine Gründung verdankt das Museum Vojtěch Náprstek, dem Spross einer bildungsbürgerlichen IMG_1422Familie, der sich wegen seiner Beteiligung an der Revolution von 1848 in Prag ins Exil nach Amerika begeben musste. Dort arbeitete er sich aus der Armut eines Exilanten wieder hinauf und wurde erfolgreicher Papierhändler, Übersetzer, Notar und Organisator tschechischer Exilnationalisten. Im Herzen blieb er der liberale Revolutionär, der der guten Sache dienen wollte. Auf Reisen sammelte er schon allerlei volkskundliche Artefakte aus aller Welt. Mit denen kam er dann 1858 nach Böhmen zurück – von den Behörden immer noch beargwöhnt, aber doch so frei, dass er wieder aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen konnte. Gefördert von seiner sehr reichen Mutter, konnte er seine Sammlung 1862 unter der Bezeichnung „Tschechisches Industrie-Museum“ der Öffentlichkeit widmen. Der Name suggeriert bereits, dass der Schwerpunkt des Museums noch nicht vollständig auf der Ethnologie lag. Der IMG_1407.JPGRiesensammlung fügte er eine Reiesenbibliothek hinzu und packte das Ganze in jenes Gebäude, wo es sich heute noch befindet, nämlich am Betlémské náměstí 1 in Prag 1, inmitten eines schönen Ensembles von Barockhäusern, aber davon abgehoben, unter anderem, weil ein für Prag doch eher untypisches Wigwam davorsteht.

Seither haben viele tschechische Sammler, Wissenschaftler und Abenteurer Gegenstände hinzugefügt. 1932 ging es in Staatsbesitz über und wurde 1946 Teil des Nationalmuseums – nunmehr ausschließlich auf außereuropäische Ethnologie ausgerichtet. Amerika, wo Náprstek einen so entscheidenden Teil seines Lebens verbracht hatte, steht immer noch IMG_1411im Mittelpunkt der Sammlung. Das gilt für die reichhaltige Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner – wie sie etwa durch den Totempfahl nordwestlicher Indianer (rechts) vorgestellt wird. Ergänzt durch eine gute und moderne didaktische Aufbereitung überwindet die Ausstellung mit Leichtigkeit die Vorstellung von der Primitivität der dortigen Lebensweise.

Das gilt vor allem für die südwestliche Pueblokultur. Eines ihrer Artefakte, so fanden wir, bedürfe näherer Erläuterung. Waren die Puebloindianer die Erfinder des Gummibärchens? Könnten sie vielleicht sogar Haribo auf Verletzung von Urheberrechten verklagen? IMG_1413In der Tat sieht die kleine Tierfigur links irgendwie so aus, dass sich diese Fragen instinktiv aufwerfen. Meinte jedenfalls meine Tochter … Und da das Ding in einer abgeschlossenen Vitrine stand, konnten wir auch keinen Geschmacktest machen.

Aber auch Südamerika kommt zu Wort. Dabei liegt der Fokus nicht auf den berühmten Hochkulturen der Azteken oder Inkas, sondern eher auf den unbekannteren Amazonaskulturen. Es stehen nicht nur historische Fundstücke im Mittelpunkt, vielmehr wird die Verbindung zur Gegenwart geknüpft. Dies flankiert eine ausgefeilte museumspädagogische Arbeit. Insbesondere Kinder- und Schülergruppen bekommen hier IMG_1415beigebracht, was das Leben anderer Völker so bietet und wie es funktioniert.

Einen anderen Schwerpunkt bilden Objekte aus Australien und die ozeanischen Inseln – etwa die im großen Bild oben abgebildeten verzierten Schädel verstorbener Vorfahren aus den Salomoneninseln. Überhaupt nicht der Totenkult anderer Völker einen hohen Stellenwert in der Sammlung ein. Nicht überall wird der Tod so aus der sichtbaren Lebenssphäre verdrängt wie bei uns.

Eine ausführliche Würdigung der schon für sich genommen interessanten Geschichte des Museums und zahlreiche temporäre Ausstellungen. Kurz: Dem Revolutionär und zeitweisen Amerikaner verdanken wir ein kleines, aber anspruchsvolles Museum für alle ethnologisch Interessierten. Und, das sei erwähnt,ein spannendes familiengerechtes Museum, in dem man einen regnerischen Tag mit den Kindern einige schöne Stunden verbringen kann. (DD)

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