Schlachtgetümmel

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Am 30. Mai 1434 trafen die Armeen aufeinander. Das Ergebnis war die Niederlage des radikalen Flügels der Hussiten (Taboriten). In der Schlacht kämpften Hussiten gegen Hussiten. Doch das brudermörderische Gemetzel war auch die Grundlage für den Frieden und für die Unabhängigkeit und religiöse Freiheit in Böhmen – und wurde zum nationalen Mythos der Tschechen. Das riesige Panoramagemälde, das der Historienmaler Luďek Marold in den Jhren 1897-98 für eine große Industrie- und Architekturausstellung anfertigte, legt davon beredtes Zeugnis ab.

IMG_1403Als die Schlacht von Lipan begann, tobten schon seit 1419 die Hussitenkriege zwischen Katholiken und dem deutschen Kaiser auf der einen Seite und den reformatorischen Hussiten auf der anderen Seite. Schon fünf Kreuzzüge hatte die Kirche nach Böhmen entsandt, der Blutzoll in der Bevölkerung war enorm. Die Hussiten waren unter ihrem Anführer Jan Žižka militärisch brillant organisiert und wehrten jeden Versuch ab, ihnen ein ungewolltes Glaubensbekenntnis aufzuzwingen. Gleichzeitig wehrten sie damit auch den Verlust der nationalen Selbstbestimmung ab, denn ein Sieg der katholischen Seite wäre auch der Triumph des deutschen Kaisers Sigismund über die Stände Böhmens gewesen.

Auf beiden Seiten gab es Fanatiker, die schon lange nichts mehr als den Krieg als Lebensform kannten. Auch machte sich ein demokratischer Radikalismus unter Teilen der Hussiten breit, der zwar wegweisend, aber in der Zeit nicht sehr breit akzeptiert war. Es kam die Stunde der Moderaten. Tschechische (böhmische) Anführer der moderaten Hussiten (Utraquisten) und der moderaten Katholiken handelten ein Abkommen aus, das primär auf einen im Kern säkularen IMG_1397Rechtsfrieden setzte und weitgehende Freiheit des Glaubensbekenntnisses (formell unter dem Dach der Kirche) postulierte. Das Abkommen wurde unter dem Namen Kompaktate dem Konzil von Basel 1433 vorgelegt, das angesicht der böhmischen Geschlossenheit sie auch annahm. Kaiser Sigismund konnte seinen Anspruch, in Böhmen zu herrschen, nur noch durchsetzen, wenn er den gemeinsamen Beschluss von böhmischen Ländern und Konzil akzeptierte und Toleranz gewährte. Fast 200 Jahre währte diese Ordnung, bis zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges die katholischen Habsburger nach der Schlacht am Weißen Berg ihren Herrschaftsanspruch (und eine rigorose religiöse Intoleranz) durchsetzen konnten (siehe frühere Beiträge hier und hier).

Das Abkommen musste allerdings gegen die radikalen Hussiten durchgesetzt werden, die das Arrangement nicht akzeptieren wollten. Und so geschah es, dass sich in der Schlacht ehemalige IMG_1398Kampfesbrüder gegenüber standen. Da jeder die Kampftechniken des anderen kannte, wurde daraus in Lipan eine lange und blutige Schlacht, bei der ein kleiner taktischer Fehler (Verfolgung eines vorgetäuschten Rückzugs der Utraquisten) den Ausgang entschied.

Das 95 Meter breite und 11 Meter hohe Panorama stellt die Schlacht als Ereignis nationalmythischen Ausmaßes dar. Marold appelierte an das Geschichtsbild des erwachenden tschechischen Nationalismus. Beide Seiten werden nicht in gut und böse aufgeteilt, sondern sind zusammen die Kräfte, die das Tschechentum zu etwas Besonderem machen. Da ist die Reinheit der Überzeugungen der Taboriten, die am Ende treu um das Banner Christi stehen (großes Bild). Und da sind die Utraquisten, die die Freiheit Böhmens sichern und die Botschaft der Versöhnung und des Rechtsfriedens IMG_1401durchsetzen. Letzteres zeigt sich bei der Darstellung eines der Utraquistenführer, nämlich Jiří z Poděbrad. Er sollte später, 1458, als Nachfolger Sigismunds der einzige Hussit auf dem böhmischen Thron werden (siehe auch früheren Beitrag hier), und für die Einhaltung der Kompaktate kämpfen, die letztlich mit ihrer Toleranz auch den Taboriten Freiheit und Schutz boten. Deshalb wird er bei Marold idealisiert als edler Ritter auf weißem Pferd dargestellt. Mäßigend wirkt er auf die umgebenden Ritter ein.

Das Maroldsche Panorama war ein Riesenerfolg. Er hatte den Ton für die Tschechen der Zeit getroffen. Es handelte sich nicht nur um ein riesiges, kreisförmig angeordnetes Historiengemälde, sondern um eine geradezu multimediale Kombination von Gemälde und dreidimensionaler Ausstellung. Fließend geht das Gemälde in eine aufgebaute Szenerie über, die das Geschehen hin zum Betrachter trägt. Dafür hatte Marold extra den Bühnenbildner IMG_1402Karel Štöpfer angeheuert. Er setzte zerstörte Kampfwagen und verlorene Waffen und Schilde auf die „Bühne“, was dem Ganzen einen realistischen Eindruck vom Schrecken der Schlacht vermitteln sollte.

Das war alles zu schön, als dass man es nach dem Ende der Industriemesse wieder hätte abreißen können. Zehn Jahre danach – Marold war inzwischen verstorben – sicherte der Stadtrat das Kunstwerk mit einem neuen und stabilen Pavillon. Es war aber nicht stabil genung, um die Schneelast des Winters 1929 auszuhalten, weshalb es teilweise einstürzte, was wiederum große Schäden am Gemälde anrichtete. Man ging aber sofort daran, Gemälde und Pavillon zu IMG_1404restaurieren bzw. neu aufzubauen. Eröffnet wurde das neue Pavillon 1934 – rechtzeitig zum 500. Jahrestag der Schlacht. Das hielt bis zur großen Moldauflut von 2002. Der Teil des Industriemessegeländes in Holešovice, auf dem das Pavillon seit jeher steht, liegt leider etwas unterhalb der Hauptgebäude und näher am Waser. Der untere Teil des Baus wurde überflutet und die Feuchtigkeit, die in der Struktur aufstieg, beschädigte das Gemälde, das abermals restauriert werden musste. Das Pavillon verstärkte man mit Stahlbeton und dichtete noch mehr ab. Es passt äußerlich nicht mehr ganz zum Historismus, der drinnen vorherrscht. Wiedereröffnet wurde es 2004. Der Andrang hält sich übrigens in Grenzen. Im Digitalzeitalter wirkt das „Multimedia“ von 1898 gerade für jüngere Betrachter nicht mehr ganz so spektakulär wie für die Zeitgenossen. Und auch das damalige Geschichtspathos dürfte vielen fremd sein. Didaktisch ist die Ausstellung auch nicht gerade überschwenglich informativ ausgestaltet. Die wenigen Tafeln, die über das Schlachtgetümmel vor den Augen informieren, tun dies in einem mageren Satz und natürlich nur in Tschechisch. Es wird ein wenig vorausgesetzt, dass man über das Geschehen Bescheid weiß. Kurz: Man könnte mehr daraus machen. Dafür ist der Eintrittspreis aber extrem günstig und letztlich kriegt man etwas wirklich Einzigartiges und Prachtvolles geboten. Und über die Schlacht selbst, kann man sich ja vorher informieren. Wozu gibt es schließlich das Internet? Für denjenigen, der sich für historistische Geschichtsmalerei begeistern kann, bietet das Marold-Panorama gewiss das Feinste vom Feinen. (DD)

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