Das Beinhaus im alten Elendsviertel

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In der „guten alten Zeit“ war auch Prag – wie alle großen Städte – eng und schmutzig. Vor allem die Friedhöfe befanden sich bei den Kirchen mitten in der Stadt – oft so überfüllt, dass die Toten übereinander und am Ende nicht sehr tief begraben wurden. Gestank und Seuchen waren die Folge. Eine Methode, um des Problems Herr zu werden, waren Ossuarien, auch Beinhäuser genannt.

IMG_0935Nach vollständiger Skelettierung wurden die Toten Jahre nach ihrer Beerdigung auf dem Kirchhof wieder ausgegraben, um dort neuen Raum zu schaffen. Die Knochen wurden dann in Beinhäusern einfach auf großen Haufen gestapelt, was enorm Platz sparend war.

Erst im 19. Jahrhundert begann man mit dem Anlegen großer Friedhöfe am Rande der Stadt. Die Kirchhöfe mitten in der Stadt wurden allmählich aufgelöst und die Ossuarien abgerissen. Eines der wenigen Beinhäuser, die in Prag heute noch sichtbar sind, liegt am Haštalské náměstí (Haštal-Platz) in nördlicheren Teil der Altstadt. Der lag früher mitten in einem Elendsviertel. Viele Häuser wurden im 19. Jahrhundert abgerissen und durch neue ersetzt, die geräumiger und sauberer waren. Um die romanisch/gotische Kostel sv. Haštala (Kirche des Heiligen Kastulus) herum, IMG_0938wo dereinst der Kirchhof war, ließ man die alten Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert dort aber noch stehen. Dank dieser Entscheidung gehört der idyllisch anmutende Platz heute nicht mehr in die Kategorie „Elendsviertel“, sondern gilt gerade wegen seiner putzigen alten Häuser und der engen verwinkelten Gassen als eine der malerischsten und teuersten Wohngegenden Prags.

Vom Friedhof sieht man keine Spur mehr, die Umgebung der Kirche mit ihrem Kopfsteinpflaster lädt zu Flanieren ein und niemand ahnt, was einmal das kleine weiße Gebäude neben der Kirche mit seinem etwas verwaschenen Barockgemälde auf der Fassade war – nämlich das Beinhaus des Viertels. So etwas muss es damals in jedem Stadtteil gegeben haben.

IMG_0934Es handelt sich um einen schlichten barocken Bau mit geschwungenem Fries aus dem 18. Jahrhundert (genaue Bauzeit konnte ich nicht feststellen).An der Hoffassade befindet sich ein großes Gemälde (großes Bild) , das oben die Dreieinigkeit umrahmt von zwei Engeln zeigt. Die weiße Lilie in der Hand des linken Engels deutet ikonographisch darauf hin, dass es sich um den Erzengel Gabriel bei der Verkündigung handeln könnte. Unten sind vermutlich die gottesfürchtig knieenden Spender des Ossuariums mit ihren Familien (Männer links, Frauen rechts – schön getrennt) abgebildet. Dass sie sich bereits im Jenseits befinden, sieht man an den Kreuzen über ihrem Kopf. Unter ihnen findet sich das Schlüsselsymbol, das für Petrus (und damit für Papsttum und Kirche) steht, der ja bekanntlich im Volksglauben Hüter des Eingangs zum Himmel ist. In der Mitte des Bildes des Bildes hält eine (nur noch schwer erkennbare) Engelsfigur ein Banner mit der nur noch teilweise lesbaren, aber doch rekonstruierbaren Aufschrift: „Summa Trinitas Miserere Nobis“, was auf Deutsch ungefähr bedeutet: „Heilige Dreieinigkeit erbarme dich unser.“ Wer das Bild wann genau  gemalt hat, ließ sich nicht feststellen. Wegen des Gemäldes heißt das Gebäude auch Dreieinigkeits-Ossuarium.

Dahinter wurden also früher menschliche Knochen gestapelt. Heute sind wohl keine Knochen mehr darin zu finden. Das mit nur wenigen kleinen Fenstern versehene Gebäude ist heute der Annex eines kleinen Hotels. Vermutlich dient es als eine Art Lager oder ähnliches. Denn drinnen übernachten – das wäre schon ein wenig gruselig, oder? (DD)

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