Das Haus, das alle Stadtführungen ersetzt

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Will man Prag und seine Umgebung wirklich kennenlernen, genügen wohl auch mehrere Tage nicht. Eher sollte man mit Wochen rechnen, um auch nur die wesentlichen Highlights kennenzulernen. Was aber, wenn man nur wenige Minuten Zeit hat? Dann sollte man sich einfach kurz vor das Haus in der Krymská 74/41 in Prag 10 hinstellen IMG_0931und nach oben schauen. Da sieht man, was man sehen muss. Das Haus ersetzt alle Stadtführungen und noch mehr.

Von weitem sieht das mehrstöckige Wohnhaus nicht gerade außergewöhnlich aus. Aber über den Fenstern im ersten Stock hat ein unbekannter, stilistisch etwas naiv daherkommender Künstler einige Reliefs angefertigt, die berühmte Ansichten aus Prag und seinem Umland zeigten. Leider sind sie nicht in bestem Zustand erhalten und manchmal hat man (wohl in Zeiten des Kommunismus) die Lüftungen von Klimaanlagen durchgehämmert, aber trotzdem bekommt man die Highlights gezeigt, die man in Prag und den böhmischen Ländern gesehen haben sollte.

IMG_0927Fangen wir hiermit an: Schon im 9. Jahrhundert von den Přemysliden zum Herrschersitz über Böhmen erkoren, ist der Hrad (Burg) seither Amtssitz des Staatsoberhaupts geblieben – nur, dass es heute ein gewählter Präsident ist. Die Skyline der Burg, wie sie hier dargestellt ist, hat sich bis heute im wesentlichen erhalten. Auch die Perspektive, die hier gewählt wurde – mit Blick über die Karlsbrücke – ist immer noch die schönste von allen. Und noch immer thront der gotische Veitsdom über dem Ganzen – hier gegenüber dem Original etwas vergrößert IMG_8827dargestellt.

Anders sieht es mit dem Vyšehrad aus, der weiter südlich gelegenen Burganlage Prags. Da hat sich seither etwas verändert. Heute wird sie optisch schon von weitem durch die große St. Peter-und-Paul-Kirche geprägt (Photo rechts). In der aktuellen, neogotischen Form entstand die Kirche aber erst im Jahre 1903. Offensichtlich wurde das Reliefbild an dem Haus in der Krymská (Bild links)  also IMG_0929vorher geschaffen, sodass der Anblick ohne die Kirche dem Betrachter von heute irgendwie fremd vorkommt.

Und natürlich darf auch die Karlsbrücke nicht fehlen. Das tut sie auch nicht, wie das große Bild oben zeigt. Hier hat der unbekannte Künstler die bis heute klassische Postkartenansicht gewählt – von der Mitte der Brücke aus auf den Kleinseitner Brückenturm (siehe früheren Beitrag hier). Was will man mehr?

IMG_0925Und dann findet man noch zwei Sehenswürdigkeiten, die etwas außerhalb von Prag liegen, aber für die mittelalterliche Geschichte der Stadt (und Böhmens) eine wichtige Rolle spielten. Die eine ist weltbekannt: Burg Karlstejn (Beitrag hier)! Die 1348 von Karl IV. erbaute Burg zeigt sich hier noch nicht in der malerischen Form, die ihr 1887 bis 1899 durch die Restaurierungsarbeiten des Architekten  Josef Mocker gegeben wurde. Der Kundige kann das an den Aufbauten auf dem Bergfried sehen, obwohl auch hier leider der Lüftungsschacht ein wenig die Sicht verbaut. Das bestätigt den Eindruck, dass das Haus mit den Reliefen noch vorher, IMG_0930also um 1870/80 erbaut wurde.

Auf einem anderen Bild (links) ist die rund 50 Kilometer westlich von Prag gelegene Burg Žebrák zu sehen – eine Anlage, die ursprünglich aus dem 12. Jahrhundert stammt, aber 1341 vom Vater Karls IV., Johann von Luxemburg, zur Königsburg gemacht wurde. Groß ausgebaut wurde sie allerdings von Karls Sohn Wenzel. Seit einem Feuer im Jahre 1532 ist sie im wesentlichen die verfallene Ruine, die wir auf dem Bild sehen.

IMG_0924Der Berg Říp, den man rechts sieht, markiert der Legende nach den Anfang der tschechischen (genauer: böhmischen) Geschichte. Auf diesem Berg, der etwa 50 Kilometer nördlich von Prag liegt, rief im 7. Jahrhundert Urvater Čech seinem umherziehenden Slawenstamm zu, sich hier im frunchtbaren Umland niederzulassen. Das soll die Gründung des Gemeinwesens der Tschechen/Böhmen in diesem Land gewesen sein. Auf dem Berg steht heute eine Kapelle zu Ehren des Heiligen Georg. Die ist so klein, dass man sie aus der Fernansicht gar nicht  wirklich sehen kann. Der Künstler der Reliefs hat sie aber bewußt so vergrößert dargestellt, dass sie nun von weitem sichtbar erscheint. Das entspricht nicht der Realität, lässt aber den an für sich recht unspektakulär aussehenden Berg mit seiner Kuppe irgendwie so richtig malerisch aussehen. So bietet der Anblick des Hauses vielleicht sogar mehr als es jede Führung zu den Originalplätzen tun könnte. (DD)

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