Kein Ort des Unfriedens mehr …

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Am 30. Juli 1419 versammelte sich vor dem Neustädter Rathaus (Novoměstská radnice) eine wütende Menschenmenge unter der Führung des Predigers Jan Želivský, um für ihre hussitischen Glaubenslehren und die Freilassung von verhafteten Mitstreitern zu demonstrieren. IMG_0800Nach einigen Handgreiflichkeiten mit den Ratsherren stürmten sie das Rathaus, warfen 10 Menschen (darunter den Bürgermeister und einige Ratsherren) aus dem Fenster. Wer unten überlebte, wurde erschlagen. Das war der erste der drei berühmten historischen Prager Fensterstürze (Nummer 3 wurde bereits hier abgehandelt). Und es war der Auftakt zu den Hussitenkriegen, die fast zwei Jahrzehnte lang Böhmen verwüsteten.

An derartigen Unfrieden erinnert der Ort heute nicht mehr. Im Gegenteil: Das Rathaus liegt am Nordrand des schönen Karlsplatzes eigentlich recht idyllisch gelegen. Immer IMG_0806noch sehenswert, findet sich auch optisch nicht mehr viel von jenem Gebäude, wo Anno 1419 die Gewalt herrschte.

Das Gebäude stammt zwar ursprünglich aus dem Jahr 1367, als die von Karl IV. gegründete Neustadt ihre Selbstverwaltungsrechte bekam, aber schon 1452 bis 1456 kam es zu größeren baulichen Veränderungen, darunter der Anbau des geradezu als Erkennungsmerkmal dienenden gotischen Turms (großes Bild oben). Nur im Säulensaal des IMG_0804Erdgeschosses (links) kann man noch in größerem den Originalzustand mit seinen gotischen Spitzbögen besichtigen. Das südliche Hauptgebäude ist, wie man an den eher antik-klassischen Bauelementen erkennen kann (rechts), eher ein Kind der Renaissance und wurde 1522 bis 1526 erbaut. Die Renaissance und nicht die Gotik, die die Hussiten kannten, dominiert auch den inneren Arkadenhof. Im Großen Saal im ersten Stock sieht man sogar noch Reste von Wandgemälden aus der Zeit Rudolfs II. im Stil des spätrenaissancen Manierismus. Es folgten in den nächsten Jahrhunderten noch kleinere Ergänzungen, die den jeweils modischen Barock oder Klassizismus widerspiegelten. Schönes Barock kann man unter IMG_0807anderem noch in der hölzernen Deckenvertäfelung im Trausaal des Erdgeschosses bewudnern.

1784 wurde die Neustadt in die Gesamtstadt Prag eingegliedert und das Rathaus hatte als Rathaus ausgedient. Es wurde ein Gerichtsgebäude mit einigen Gefängniszellen. Auf das ist vorbei. 1904/05 gab es dann eine großangelegte Renovierung, die von den Architekten Antonín Wiehl (ein Spezialist für Neorenaissance) und Kamil Hilbert (siehe auch hier) durchgeführt wurde, die aber vor allem darauf abzielte, den schönen Renaissancecharakter des Baus wieder freizulegen und zu verstärken.

Um 1976 gab es noch einmal eine vorsichtige Modernisierung, die (vor allem an IMG_0809Maßstäben kommunistischer Ästhetik gemessen!) wenig grundsätzlich veränderte und sich bisweilen sogar recht geschmackvoll kontrastierend in das Gebäude eingliederte. Diese Umbauten dienten vor allem der Absicht, das Gebäude einem neuen Zweck zuzuführen. Nicht mehr Rathaus, nicht mehr Gericht, sondern Ort für Veranstaltungen und Kultur ist die Location seither.

Das interessante und vielseitig nutzbare Gebäude ist daber meist öffentlich zugänglich. Außerhalb der Wintermonate kann man sich obendrein noch das Vergnügen gönnen, die 221 Stufen des satte 42 Meter hohen Turmes zu erklimmen, um die Aussicht über die schöne Umgebung am Kalrsplatz – und darüber hinaus! – zu genießen. Ja, es ist in der Tat kein Ort des Unfriedens mehr, das Neustädter Rathaus… (DD)

 

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