Nationaler Geschichtsvermittler

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Er war Historiker. Er war Schriftsteller. Er war von ganzem Herzen Tscheche (auch als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte). Kurz: Alois Jirásek hatte alle Voraussetzungen dafür, den Tschechen auf vollendete Weise ein eigenes Verständnis von Geschichte zu vermitteln. Die dankten es ihm und setzten IMG_0977ihm an einer schönen Stelle am Moldauufer ein Denkmal – und benannten gleich noch die dort den Fluß querende Brücke nach ihm.

Jirásek hatte an der Karlsuniversität Geschichte studiert und begann 1874 zunächst die Laufbahn eines Geschichtslehrers, erst in Litomyšl (Ostböhmen), dann ab 1888 in Prag. Schon bald war ihm die pädagogische Arbeit zu wenig abwechslungsreich, weshalb ab 1875 ein Strom von Büchern seiner Feder entfloss, die meist historische Themen dichterisch verarbeiteten. Irgendwie verbanden sich seine Romane meist mit Episoden nationaler tschechischer Freiheitskämpfe – etwa IMG_0978den Hussitenkriegen. Am bekanntesten ist aber zweifellos sein 1894 erschienenes Buch Böhmens alte Sagen (Staré pověsti české), in dem er alte Volkslegenden in moderner Sprache nacherzählte und popularisierte. Dabei hatte er bisweilen die Neigung, die alten Legenden ein wenig so hinzubiegen, dass sie in das moderne nationalistische Weltbild passen. Aber das dürfte damals seiner Popularität eher genützt, denn geschadet haben.

1917, mitten im Ersten Weltkrieg, unterzeichnete er als einer der ersten Prominenten das Manifest, das erstmals die völlige Loslösung der Tschechen von Österreich-Ungarn forderte. Bis dato war unter den meisten Nationalisten eigentlich die gemäßigte Forderung nach mehr Autonomie innerhalb des Habsburgerreiches die Hauptforderung gewesen. Da aber 1918 die völlige Unabhängigkeit tatsächlich kam, gehörte Jirásek nun zu den großen Sehern und Volkshelden des Landes – einen Status, den er bis zu seinem Tod 1930 beibehielt.

IMG_0980Schon zu Lebzeiten wurde Jirásek heftig geehrt. Sein Geburtshaus in Hronov wurde bereits 1925 von der Kommune erworben und später zu einem Museum umgebaut. Auch in Prag beeilte man sich, ihn zu würdigen – allerdings anfänglich recht bescheiden. An dem Haus in der Resslova-Straße, wo er von 1903 bis zu seinem Tode wohnte, wurde 1933 eine Plakette angebracht. Gleichzeitig wurde der kleine Park vor dem Haus in Jirásek-Park umbenannt. Und wie es der Zufall wollte, wurde im selben Jahr auch von diesem Platz ausgehend eine Brücke eröffnet, die man gleich passenderweise Jirásek-Brücke (Jiráskův most) nannte. Stilistisch passt die von den Architekten František Mencl und Vlastimil Hofman in einem sachlich-funktionalistischen Stil gehaltene Stahlbetonbrücke vielleicht nicht ganz zu dem literarischen Historismus Jiráseks.

IMG_0979Den wiederum feierte man 1960 als man ihm endlich ein ausgesprochen konventionell und historisch anmutendes Denkmal setzte. Gestaltet wurde es von dem Bildhauer Karel Pokorný und zeigt Jirásek in klassischer sitzender Dichterpose. Das Denkmal könnte auch aus dem 19. Jahrhundert stammen, wäre da nicht der Sockel – eine wesentlich moderner anmutende Stahlbetonkontruktion, die von dem Architekten Jaroslav Fragner entworfen wurde. Passend oder nicht – auf dem hohen Sockel sitzend kann der aus Bronze gegossene Jirásek jedenfalls einen wunderschönen Ausblick auf die Moldau und auf den regen Verkehr auf „seiner“ Brücke genießen. (DD)

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