Tschechisches Brauchtum im Empire-Palast

IMG_0469

Prag verfügt nicht nur über ein Ethnographisches Museum, sondern über deren zwei! Eines liegt in der Altstadt und widmet sich den außereuropäischen Kulturen; das andere enthält eine große volkskundliche Sammlung über Tschechien und seine Regionen. Um letztere geht es hier.

IMG_2127Das Museum befindet sich inmitten eines der schönsten Parks der Stadt am Fuße des Petřín-Berges auf der Kleinseite. Der Kinsky-Garten wurde in den Jahren 1827 bis 1831 durch Rudolph Fürst Kinsky als englische Parkanlage angelegt. Im Herzen der Anlage ließ er sich dazu noch eine schöne klassizistische Villa, ein Lustschloss, bauen. Schon von Anfang an hatte der Fürst schon das öffentliche Interesse im Visier, denn der Park war für jedermann geöffnet. Lange nach seinem Tode, IMG_2143im Jahre 1901, wurde das Areal an die Stadt Prag verkauft. Die Villa, nun Musaion genannt, wurde schon ein Jahr später für Ausstellungen genutzt und es schälte sich als Nutzungszweck immer mehr die Beherbergung einer ethnographischen Sammlung heraus. Wie so viele Kulturgüter litt auch dieses Gebäude während des Kommunismus unter schwerer Verwahrlosung. 1986 war es so baufällig, dass es für die Öffentlichkeit geschlossen werden musste. Dem Kommunismus waren gottlob nur noch drei Lebensjahre im Lande vergönnt, aber danach fühlte sich die Stadt mit der IMG_0461Renovierung überfordert. Sie schenkte die Villa deshalb dem Nationalmuseum, dass 2005 hier sein neues Ethnographisches Museum (Abteilung Tschechien) eröffnete und IMG_0492schon 2007 den Preis für das beste europäische Museum einheimste.

Das Museum bietet einen schönen Einblick in das ländliche Leben in den böhmischen, mährischen und schlesischen Teilen des Landes und beschränkt sich im wesentlichen auf das 19. und 20. Jahrhundert. Dazu gehören die notwendigen und -dürftigen Einrichtungen von Bauernhöfen (Bild rechts), aber auch eine umfangreiche Sammlung von Trachten aus den verschiedenen Regionen (großes Bild oben).

IMG_0473Hinzu kommen Holzschnitzereien mit Heiligenmotiven (Bild links), Keramik, bemalte Möbel, bunte Hinterglasmalereien und vieles mehr. Das Ganze ist sehr großräumig IMG_0471ausgestattet und das erlaubt dem Betrachter die Fixierung auf das Wesentliche.

Im oberen Stock ist die Sammlung entlang des kirchlichen Jahres und den Stationen des Lebens – Geburt, Hochzeit, Tod – geordnet. Karneval (hier Masopust genannt), Ostern, Erntedank, Advent, Weihnachten – sie alle haben in den tschechischen Regionen ihre ureigenen Brauchtümer hervorgebracht. Manchmal sind die Erläuterungen (vor allem die in englischer Sprache) etwas zu dürftig, um die IMG_0489Neugier, die man beim Anblick der Gegenstände entwickelt, zu befriedigen. Was hat es zum Beispiel genau mit jener spitzen weißen Maske (Bild rechts) auf sich, die in Mähren während des Advents getragen wird?

IMG_0484Andere Dinge, wie zum Beispiel das Aufstellen von sehr elaborierten Krippen zur Weihnachtszeit, sind dem Betrachter unmittelbar einleuchtend, weil sich hier Tschechien von Deutschland in Sachen Brauchtum eigentlich gar nicht wirklich unterscheidet.

IMG_0465Ach ja, selbst wenn man sich für Volkskunde und -kunst nicht sonderlich interessiert (was sich nach Besichtigung dieses sehenswerten Museums aber sicher ändern dürfte), lohnt sich der Besuch, denn die Villa ist auch ohne Museumsausstellung als Gebäude sehenswert. Kein Geringerer als der mit dem offiziellen Titel „k.k. Architekt“ ausgezeichnete Hofbaumeister der Kinskys, Heinrich Koch, hat dieses Bauwerk in reinstem Empire-Stil entworfen. Insbesondere das Treppenhaus ist ein ästhetischer Genuss.

Und wer sich auch nicht für schöne klassizistische Architektur interessiert, der kann vom ersten Stock aus auch einfach aus dem Fenster schauen. Von dort aus wirkt der Landschaftsgarten ringsum besonders schön … Es gibt jedenfalls keine Ausrede für den Besuch dieses Museums. (DD)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s