Der Löwe vom alten Gebäude

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Die Tschechische Nationalbank residiert ist einem geradezu imperial anmutendem Gebäude. Mit seinem strikten Art Déco-Stil ist es einerseits ein Sinnbild für dynamische Modernität, zugleich passt es sich in seinem Grundriss – zwei schräg zueinander IMG_0390stehende Flügel, die an einem Mittelrisalit zusammenlaufen – an die Form des gegenüberliegenden, stark historisierenden Gemeindehauses an. Moderne und Tradition stehen in einem harmonischen Miteinander.

Die Bauzeit zog sich in mehreren Etappen von 1935 bis 1942 hin. Der Entwurf des Gebäudes ging aus einem Architektenwettbewerb vor, an dem die crème de la crème der damaligen tschechischen Architekten teilnahm. Den Zuschlag bekam am Ende František Roith, der sich auf moderne Monumentalbauten spezialisiert hatte, und einen Entwurf mit einer optisch sehr effektiven Fassadenstrukturierung durch Pilaster einreichte.

Das Bauwerk (Adresse: Na Příkopě 864/28 in Prag 1) diente übrigens ursprünglich nicht als Hauptquartier der Nationalbank. Roith hatte es nämlich noch im Auftrag der Živnostenská banka (Gewerbebank) erbauen lassen. Diese Bank wurde 1868 gegründet und war die erste Bank überhaupt, die ausschließlich von tschechischen Aktionären IMG_0389getragen wurde. Im Gründungsvorstand saßen prominente Vertreter der tschechischen Nationalbewegung wie František Ladislav Rieger (siehe unseren Beitrag hier). Die Bank bestand bis 2007 (als sie in die UniCredit aufging), wurde allerdings 1948 verstaatlicht und erst 1992 als erste Bank in den ehemaligen Ostblockstaaten wieder privatisiert.

Die Živnostenská banka zog allerdings 1950 aus dem Gebäude aus, das nun der Tschechoslowakischen Staatsbank und ab 1993 der Tschechischen Nationalbank als Zentrale diente.

Bevor 1935 mit dem Bau des Roithschen Gebäudes begonnen wurde, residierte die Živnostenská banka in einem Vorgängerbau am selben Ort, der dann durch den neuen ersetzt wurde. Dieses ursprüngliche Hauptquartier der Bank, dass sich Anfang der 30er Jahre zunehmend als räumlich zu klein erwies, war IMG_0395stilistisch fast so etwas wie die Antithese des Nachfolgebaus. Es handelte sich um einen ornamental beladenen und sehr traditionell-historistischen Bau des Architekten Osvald Polívka aus dem Jahr 1897, der anscheinend dem der von Bedřich Ohmann 1894 erbauten Getreidebörse recht ähnlich sah (deshalb zu sehen auf dem Bild links). Dieses Gebäude ist heute als integraler Bestandteil in das neue Gebäude der Nationalbank eingegliedert und Teil derselben. Das sieht man innen im Gebäude. Hier befindet sich das IMG_0897Konferenzzentrum der Nationalbank, wo öfters größere Veranstaltungen stattfinden. Die Architekten, die diesen Bereich gestaltet haben, fügten auf recht geschickte Weise den neuen Funktionalismus in das alte Gebäude ein.

Zurück zum neuen Hauptgebäude: Ganz verloren gegangen ist der alte Bau nämlich nicht. Ein kleiner Teil hat überlebt. Schaut man ganz nach oben auf den Risalit, so sieht man dort eine große Bronzeskulptur des Bildhauers Antonín Popp (großes Bild), die eigentlich stilistisch nicht so ganz zum Art-Déco-Stil passt. Sie stellt den „Genius und den Löwen“ dar, wobei der Genius neben dem Löwen laufend, die Welt mit der Fackel seiner Weisheit erleuchtet. Das tat er schon auf dem alten Bau. (DD)

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