Sehr hoch, nicht sehr lang: St. Maria Schnee

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Schon wenn man sich der Kirche vom heute öffentlich zugänglichen Franziskanergarten nähert, fällt einem auf, dass etwas mit den Proportionen der Kirche recht ungewöhnlich anmutet. Und richtig: Bei der Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné) handelt es sich eher um ein Kirchenfragment, denn sie wurde nicht so fertiggestellt, wie es ursprünglich geplant war.

Das Karmeliterkloster gehörte zu den Prestigeprojekten Karls IV. in der von ihm geplanten Neustadt. 1347 begann man mit dem gotischen  Bau und es sollte die höchste und längste Kirche in Prag werden – größer noch als der Veitsdom auf der Burg. Wie so im Spätmittelalter üblich, zog sich der Bau hin. Man schaffte immerhin mit 39 Metern den höchsten Chor von allen Prager Kirchen. IMG_0031Dann stoppten die Hussitenkriege den Weiterbau und die geplanten 100 Meter an Länge wurden bei Weitem nicht erreicht Das dadurch entstandene etwas ungewöhnliche Verhältnis zwischen Höhe und Länge lässt die Höhe des Baus noch imposanter erscheinen. Auf dem Bild rechts wirkt sie so, als ob sie am linken Ende „abgeschnitten“ worden wäre.

Wo man schon einmal bei den Hussiten ist: Die Radikalen unter ihnen fanden unter der Führung ihres Predigers Jan Želivský in der Kirche ihre größte Wirkungsstätte. Von hier zogen sie unter seiner Führung 1419 los zum Neustädter Rathaus, wo sie die katholischen Ratsherren aus dem Fenster warfen und töteten – der Erste Prager Fenstersturz. Er löste die bis 1436 tobenden Hussitenkriege aus. Wer die berühmte Kneipe „U Pinkasů“ besucht, die sich dort befindet, wo nach den Originalplänen ein Seitenschiff der Kirche hätte sein müssen, kann noch Schäden an der Wand betrachten, die bei den damaligen Kampfhandlungen entstanden waren (siehe früherer Beitrag hier). Jedenfalls war die Kirche nach den Kriegen arg beschädigt und verfiel immer mehr. Der ursprüngliche Turm stürzte ein. Die Fassade am Haupteingang (die den Raum im Kern dort abschließt, wo er im 14. Jh. nicht vollendet worden war) wurde IMG_9460immerhin darob in einem ansprechenden Renaissancestil angebaut, der mit seiner gleichmäßigen und antikisierenden Strukturierung von innen sehr beeindruckend aussieht (Bild links). Aber erst ab 1603 begann in dem Gebäude wieder ein neues aktives Klosterleben, dieses Mal nicht durch die Karmeliter, sondern durch die Franziskaner.

Sie barockisierten das Innere der Kirche auch gleich. Verwüstungen, die noch einmal das 1611 einfallende Passauer Kriegsvolk anrichtete, wurden schnell behoben und die Barockisierung und eine bauliche Konsolidierung erfolgte. Beeindruckend geriet vor allem der 1649 bis 1651 von einem unbekannten Künstler entworfene Hochaltar, der die Tendenz in der Kirche zur Höhe noch einmal unterstrich, denn er ist mit 20 Meter Höhe der höchste Säulenaltar der Stadt (großes Bild). IMG_9459Im 18. Jahrhundert kamen noch einige Seitenaltäre (Bild rechts) hinzu – bis das Kloster 1782 der Säkularisierung unter Kaiser Josef II. zum Opfer fiel und fortan primär als Hospital genutzt wurde.

Erst in den 1930er Jahren konnten die Franziskaner hier wieder Novizen aufnehmen, was die Kommunisten om Jahr 1950 aber wieder beendeten. Seit der Samtenen Revolution handelt es sich aber wieder um ein aktives Kloster. Möglicherweise ist das auch der Grund, weshalb die Kirche auch für Besucher immer zu besichtigen ist, was bei vielen reinen Gemeindekirchen in der Stadt oft nicht der Fall ist. (DD)

 

 

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