Großes Atelier, okkulter Keller

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Ladislav Šaloun war der große tschechische Bildhauer des Symbolismus. Seine Fähigkeit, großen nationalen Themen eine mythisch-schwärmerische Note zu geben, kam (nicht nur) bei den Zeitgenossen an. Niemanden verwunderte es, dass er 1903 den Zuschlag für das große Jan-Hus-Denkmal am Altstädter Ring (Beitrag hier) bekam, das dann 1915 eingeweiht wurde. IMG_0375Das war allerdings so groß angelegt, dass der Künstler erst einmal ein neues Atelier brauchte.

Als das Denkmal in die Realisierungsphase ging, war Šalouns bisheriges Studio in der Nähe des Wenzelsplatzes schlichtweg zu klein. In den Jahren von 1908 bis 1910 ließ er sich deshalb in Vinohrady (Slovenská 1566/2 in Prag 2) ein neues Atelier bauen, das nicht nur groß genug war, sondern auch für sich selbst genommen einen passenden künstlerischen Anspruch ausstrahlte. Obwohl kein ausgebildeter Architekt, fertigte Šaloun die Pläne für das Gebäude selbst an. Das Resultat war eine Hallenkonstruktion mit im Schrägdach eingelassenen Fenstern. Die architektonische Gestaltung erfolgte in einem strengen Jugendstil, der mit symbolistischenIMG_0373 Skultpturen ausgeschmückt wurde.

Besonders auffällig ist die große Tür (kleines Bild oben links) zur Haupthalle, die tatsächlich so groß wirkt, das man glaubt, das „Hus“ hier hindurchkommen konnte. Aber es gab auch noch ein kleineres Studio, dessen Eingangsbereich mit folkloristischen Motiven versehen ist  (Bild rechts). Auffallend ist aber vor allem ein Kellergewölbe, dessen Eingang (großes Bild oben) mit einer düsteren mythischen Gestalt und der altgriechischen Unterschrift „Das Meer, das Meer!“ (eine Anspielung auf IMG_0372Xenophons Schilderung des Rückzugs der Perser aus Griechenland, die am Ende das rettende Schwarzen Meer erreichen) versehen ist. Das Atelier wurde bald der Treffpunkt der großen Künstler der Zeit, darunter unter anderem František Bílek (Beitrag hier) und Alfons Mucha. Passend zu der düsteren Ausstrahlung des Kellereingangs und passend zu dem Mystizismus der Symbolisten verhält sich das Gerücht, dass dort unten okkultistische Sitzungen abgehalten wurden.

1934 ließ sich Šaloun von seinem Schwiegersohn, dem Architekten Josef Černý, an der IMG_0367Westseite des Ateliers eine eher funktionalistisch inspirierte Villa bauen (Bild unten links), die bis heute von seinen Erben bewohnt ist. Auch hier findet man „Kunst am Bau“, etwa in Form eines Reliefs über die „Begrüßung der Sonne“, das Šaloun mit Zeilen des mit ihm befreundeten Dichters Otokar Březina versah (kleines Bild rechts).

Das Atelier fiel nach Šalouns Tod 1946 der IMG_0798Vernachlässigung anheim. Unter den Kommunisten beherbergte es eine Weile linientreue Hofkünstler, die Klement-Gottwald-Büsten oder ähnliches entwarfen. Obwohl es 1958 zum Denkmal erklärt wurde, hielt man den allmählichen Verfall nicht auf. Nach der Samtenen Revolution 1989 bestand Handlungsbedarf. Erst nachdem es der Akademie der Bildenden Künste übereignet wurde, leitete man 2006/2007 eine umfassende Renovierung ein. Jetzt ist das Gebäude wieder in perfektem Zustand und wird für den Lehrbetrieb und die Tätigkeit von Gastdozenten genutzt. (DD)

 

 

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