Gründungsmythen in Stuck

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Wer sich in die Sagenwelt der Tschechen vertiefen will, kann dies mit Hilfe von überall in den Souvenirläden wohlfeil angebotenen Büchern oder im Netz tun. Man kann aber auch in die Altstadt gehen und sich das Haus IMG_9495in der Havelská 31 (gegenüber dem Ständetheater) anschauen, um einen wunderschönen Blick auf die Gründungsmythen der Tschechen und Prags zu werfen. Da sich die zierlichen Stuckarbeiten auf Höhe der zweiten Etage befinden, werden sie wohl von den vorbeiströmenden Touristen meist übersehen. Das ist schade, denn sie haben auf jeden Fall Aufmerksamkeit verdient.

Das Haus wurde zwischen 1898 und 1904 von dem Architekten Josef Rydrych in feinstem Neorenaissancestil erbaut. Die beiden Reliefs und die Statue, um die es hier geht, wurden von dem Bildhauer Jindřich Říha gestaltet, dessen künstlerische Spuren man in Prag öfters findet.

IMG_0352Unter dem linken Relief befindet sich eine Inschrift mit den Worten „Die Ankunft der Tschechen im Řip“ (Přichod čechů na řip). Es geht um die Legende vom Gründer Böhmens, dem Urvater Tschech (Praotec Čech), der angeblich im 6. Jahrhundert sein bis dato rastlos umherwanderndes Volk mit der im Bild links dargestellten flammenden Rede auf dem Berg Řip (dt.: St. Georgsberg) im Norden von Prag dazu bewegte, in diesem unbewohnten, jedoch fruchtbaren Land zu siedeln. Das ist der Gründungsmythos Tschechiens (bzw. Böhmens, wie es historisch korrekt in diesem Zusammenhang eigentlich heißen müsste).

Das Relief rechts davon (großes Bild oben) ist betitelt: „Libušes Stimme zum Ruhm Prags“ IMG_0351(Libuše hlása slávu prahy). Der Legende nach hatte die Fürstentochter und Urmutter der ersten böhmischen Herrscherdynastie auf dem Vyšehrad (siehe frühere Beiträge hier und hier) eine Vision zu Prag und der großartigen Zukunft dieser wundervollen Stadt. Bei der Verkündung der Vision in klassischer Seherinnenpose sieht man sie abgebildet. Eine hammermäßige Superstadt werde Prag dereinst, weissagte sie bei der Gelegenheit – möglicherweise mit etwas anderer Wortwahl. Recht hatte sie! Das wiederum ist der Gründungsmythos Prags.

Durch die beiden Reliefs (von denen sich das Bildnis mit Libuše auch noch durch vergoldete Einfassungen auszeichnet) hat man schon seine erste Lektion in Sachen IMG_0349tschechischen Geschichtsbewusstseins gelernt. Was erwartet man mehr von einem bisschen Stuck?

Ja, und dann ist da noch die Statue, die in einer Nische auf der Ecke des Gebäudes auf gleicher Höhe steht. Eine Beschriftung gibt es dazu nicht. Die mittelalterlich anmutende Rüstung und die bauliche Verbindung zu den beiden Reliefs legen eigentlich den Verdacht nahe, dass es sich hier auch um eine Sagengestalt Böhmens handelt, etwa  Libušes Ehemann Přemysl, dem legendären Begründer der ersten böhmischen Herrscherdynastie. Darauf hatte ich zuerst getippt. Aber nein! Es handelt sich um die biblische Gestalt des  Goliat. Warum Goliat? Ganz einfach, das zuvor an diesem Ort befindliche Gebäude aus dem 17. Jahrhundert war mit einer gemalten Goliatfigur versehen gewesen. Deshalb hieß es im Volksmund auch „U Goliáše“ (Beim Goliat) – ein Name, den man aus Gründen der Traditionspflege erhalten und künstlerisch verewigen wollte. Deshalb tut Goliat jetzt eben ein wenig so, als ob er ein alter legendärer Tscheche sei. (DD)

 

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