Schwieriges Andenken: Der Deutsche Evangelische Friedhof

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Alleine die Friedhofskapelle ist sehenswert und eine Besichtigung wert. Doch mit dem Friedhof, auf dem sie steht, haben sich die Tschechen lange schwer getan. Die Bürde der Geschichte lastet auf ihm. Es war ursprünglich der Deutsche Evangelische Friedhof Prags. 1787 hatte Kaiser Josef II. angeordnet, dass die Kirchhöfe in der Innenstadt wegen ihrer Überfüllung (die ein Ergebnis des enormen Bevölkerungswachstums der Zeit war) und der sich daraus ergebenden seuchen-hygienischen Probleme aufgelöst werden und durch große Friedhöfe an der Peripherie der Stadt ersetzt werden sollten. Der Deutsche IMG_0315Evangelische Friedhof im damaligen Randstadtteil Strašnice war 1795 einer der ersten, die überhaupt dementsprechend angelegt wurden. Der älteste erhaltene Grabstein datiert aus dem Jahr 1828. Da bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast die Hälfte der Bewohner Prags deutschsprachig war – der Anteil sank bis Ende des Jahrhunderts unter 10 Prozent – sah man in der Einrichtung dieses Friedhofs zu diesem Zeitpunkt nichts Ungewöhnliches oder gar Bedenkliches. Etliche Inschriften auf den Grabdenkmälern deuteten auch auf gemischte deutsch-tschechische Familien hin.

Der Terror der Nazibesetzung und die folgende Vertreibung der meisten Deutschen änderten dies nachhaltig. Die letzte reguläre deutsche Beerdigung fand am 7. Februar 1946 statt. IMG_0322Schon Ende 1945 war der Friedhof konfisziert worden und war seither nicht mehr Eigentum der Deutschen Evangelischen Gemeinde, die alle ihre Aktivitäten einstellen musste. 1950 verbot man überhaupt sämtliche Beerdigungen auf dem Areal. Am liebsten hätte man ihn ganz aus dem Andenken der Menschheit getilgt, denn es wurde gleichzeitig geplant, dass der Friedhof 1956 vollkommen zerstört und das Gelände als Sport- und Freizeitgelände genutzt werden sollte. Gottlob besann sich die kommunistische Stadtregierung dann doch noch eines anderen. 1954 übergab sie den Friedhof der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche zur Nutzung. Die leitete sich trotz ihres Namens nicht direkt von einer der protestantisch-hussitischen Traditionen im Lande ab, sondern war eine nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Abspaltung der  katholischen Kirche durch nationalistische und moderne Reformer. Diese Kirche galt beim Regime als vergleichsweise systemtreu und daher war der Friedhof zunächst einmal in seiner Existenz geschützt. IMG_0318Allerdings wurde nur die Kapelle für Gottesdienste genutzt, so dass der restliche Friedhof einem langsamen Verfall anheim fiel.

Nach der Samtenen Revolution begann eine heftige Debatte über die Zukunft des Friedhofs, die durch (von sudetendeutschen Verbänden in Deutschland unterstützte) Pläne angeheizt wurde, dass man hier auch in Prag gefallene Wehrmachtssoldaten zentral beerdigen solle. Dem folgte man nicht, aber es wurde 2002 der Beschluss gefasst, den Friedhof zum Kulturdenkmal zu erklären und Renovierungen vorzunehmen. Die Renovierungsarbeiten begannen 2006. Im Jahre 2015, nach Abschluss IMG_0319von Reparaturen an der Kapelle, waren sie größtenteils abgeschlossen und der zuvor geschlossene Friedhof wurde wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gerade in letzter Zeit hat die Restaurierung einiger Grabdenkmäler und Mausoleen rapiden Fortschritt gemacht. Ein kleines Areal ist für neue Beerdigungen eingeplant.

Als Grund für die Instandsetzung des Friedhofs hatte die Regierung 2002 angeführt, dass der Friedhof einen einzigartigen Einblick in die urbane Bestattungskultur des 19. Jahrhunderts erlaube. Das tut er in der Tat! IMG_0321Die verbliebenen alten Grabsteine mit den deutschen Namen beeindrucken. Die größte Besonderheit ist jedoch die Friedhofskapelle. Das Gebäude wurde 1912 von dem (übrigens deutschstämmigen und evangelischen) Architekten und Stadtplaner Adolf Foehr in einem mit klassizistischen Elementen durchsetzten, aber sehr expressionistischen Art-Déco-Stil geplant, was man (nicht nur in Prag) selten findet. Innen befindet sich – und auch das ist eher selten – ein Kolumbarium, das heißt Nischen für Urnen in den Wänden. Der große Schriftzug „Christus ist unser Leben“, der noch an die deutsche Gemeinde erinnert, prangt hoch über dem Eingang. Darunter befindet sich – ganz diskret – der Kelch als Symbol der Tschechischen Hussitischen Kirche. Vielleicht kann man das als Geste verstehen, die gemeinsame Geschichte von Tschechen und Deutschen heute in einem versöhnlicheren Licht zu sehen als man es noch vor einigen Jahrzehnten tat. (DD)

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