Ort der Trauer: Das Krematorium in Strašnice

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Wenn man in Prag ein atemberaubendes Musterbeispiel für die funktionalistische Architektur der Ersten Republik sucht, sollte man in den eigentlich recht unspektakulären Stadteil Strašnice gehen und sich – ja! – das Krematorium dort anschauen. Das größte Krematorium Europas ist ein geschichtsträchtiger Bau, dessen strenge und schlichte Architekur die Würde ausstrahlt, die der traurige Zweck gebietet. IMG_0310Erbaut wurde es von 1929 bis 1932 nach den Entwürfen des Architekten Alois Mezera, einem Schüler des berühmten slowenischen Architekten Josip Plečnik  (siehe u.a. diesen früheren Beitrag), der für Präsident Masaryk den Präsidentenpalast auf der Burg neu gestaltet hatte.

16 Meter hoch ist das Gebäude und deckt 450 Quadratmeter ab. Im Saal für Beerdigungszeremonien (mit eigener Orgel) finden über 200 Trauernde Platz. In der Vorhalle können noch hunderte mehr durch Glastüren der Trauerfeier folgen. Der IMG_0311Vorplatz wird als Ausdruck einer modernen Beerdigungskultur von einem Kolumbarium (das heißt Wände mit Stellplätzen für Urnen) rechteckig umrahmt in dessen Mitte ein großer Brunnen steht. Der Architekt hatte mit diesem Gebäudeensemble geradezu den Beweis erbracht, dass Modernismus und würdige Trauerkultur in Einklang gebracht werden können. Es war ein gelungener Ausdruck des neuen Humanismus der Ersten Republik.

IMG_0314Die endete endgültig mit der Nazibesetzung 1939. Die Nazis fanden das Krematorium mit seinen Kapazitäten praktisch, um die Opfer ihrer Verbrechen heimlich zu „entsorgen“, darunter unter anderem Bischof Gorazd Pavlík, der den Heydrich-Attentätern Unterschlupf gewährt hatte (siehe auch Beitrag hier). Um die 2200 Menschen dürften die Nazis hier  in den Nachtschichten heimlich beseitigt haben. Die Kommunisten setzten diesen üblen Missbrauch des Krematoriums fort. So wurde nach den stalinistischen Schauprozessen der frühen 1950er Jahre unter anderen Milada Horáková nach ihrer Hinrichtung im Krematorium von IMG_0308Strašnice eingeäschert und die Asche unauffindbar verstreut (siehe Beitrag hier). Der Krematoriumsdirektor, František Suchý, der die Aktionen heimlich beobachtet hatte, schloss sich zusammen mit seinem gleichnamigen Sohn aus Ekel über die Verbrechen dem Widerstand an. Trotz strikten Verbotes führte er Listen der heimlich Hingerichteten, die hier verbrannt wurden, um die Toten dem Vergessen zu entreißen. Er wurde gefasst und 1952 zu 25 Jahren Haft verurteilt, aber 1964 vorzeitig freigelassen.

Die Zeit der totalitären Schreckensherrschaften ging 1989 mit dem Fall des Kommunismus zu Ende. Seitdem ist das Krematorium wieder ausschließlich der Ort der Trauer, aber nicht mehr einer des Verbrechens. Kein Geringerer als Václav Havel wurde hier 2011 eingeäschert. Zurecht ist der geschichtsbeladene, aber doch beeindruckend schöne Bau heute zum geschützten Kunstdenkmal erklärt. (DD)

 

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