Außen Kirche, innen Havel

Annakirche

Von außen sieht sie noch ganz nach einer normalen gotischen Kirche aus. Innen herrscht eher ungewöhnlicher und bisweilen säkularer Geist bei großen kulturellen und politischen Anlässen. Es geht um die Kirche der Hl. Anna – Zentrum Prager Kreuzung (Kostel sv. Anny – Centrum Pražská křižovatka). IMG_0340Dem verstorbenen antikommunistischen Dissidenten und ersten demokratisch gewählten Präsidenten nach dem Ende des Kommunismus, Václav Havel, verdankt man hier eine Konferenz- und Begegnungsstätte, die weltweit ihresgleichen sucht.

Aber zurück zu Geschichte des Gebäudes. Die reicht weit zurück. Spätere Quellen aus dem12. jahrhundert datieren die Gründung der Kirche auf das Jahr 927 – was sie zu einer der ältesten Kirchen der Stadt überhaupt macht. Im 13. Jahrhundert gehörte die Kirche (damals noch Lorenzkirche genannt) angeblich den Tempelritter, deren Orden allerdings gewaltsam aufgelöst wurde, weshalb 1312 die Johanniter das Ganze übernahmen, die es aber schnell an die Dominikanerinnen von St. Anna vom Laurenziberg weiterverkauften. Seitdem ist die Kirche auch nach der Heiligen Anna benannt. Die neuen Besitzerinnen renovierten das Gebäude ab 1325 so gründlich, dass vom romanischen Ursprungsbau kaum mehr etwas übrig blieb, dafür aber eine größere und prachtvollere gotische Kirche am Platze stand. Sie überstand aus Gründen, die kaum IMG_8634geklärt sind, die Hussitenkriege und den Dreissigjährigen Krieg unbeschadet und wurde ab 1727 von dem berühmten Architekten Franz Maximilian Kaňka aufwendig barockisiert, wovon man noch Spuren sieht (links).

Von alledem sieht man heute nur noch vergleichsweise wenig, denn 1782 säkularisierte Josef II. das Kloster. Die Kirche wurde sehr profanen Zwecken (bis zum Zweiten Weltkrieg war sie unter anderem  eine Großdruckerei!) zugeführt, was arg an die bauliche und kulturelle Substanz ging.

IMG_86321962 begannen sich Archäologen für den Gebäudetorso zu interessieren. Man fand noch viele Schätze, etwa gotische Freskengemälde oder auch das rätselhafte Relief mit einem Hahn auf einer Krone (rechts) aus dem Mittelalter, die man zu restaurieren anfing. Ein gutes Stück Kultur wurde gerade noch rechtzeitig gerettet.

Nach der Samtenen Revolution entdeckte Präsident Václav Havel das Gebäude und seine Potentiale. 2004 – ein Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit als Präsident des Landes – eröffnete er die durch die von ihm und seiner Frau gegründete Stiftung Vize 97 renovierte Kirche mit den Worten: „Wir wären froh, wenn dieser Raum in Zukunft belebt wird, wenn er nicht nur eine historische Sehenswürdigkeit bleibt, die sich von Zeit zu Zeit jemand anschaut. Wir möchten, dass der Raum lebt, und haben ihn daher ‚Prager Kreuzung‘ genannt. Wir stellen uns vor, dass hier allmählich – und dies kann noch lange dauern – eine Art ständige Institution entsteht, wo sich verschiedene Begegnungen, Konferenzen, Vorstellungen, Happenings und gesellschaftliche Ereignisse abspielen werden. Wir möchten, dass die Räumlichkeiten wirklich zu einer internationalen Kreuzung gesellschaftlicher und IMG_8633geistlicher Strömungen der Zeit werden.“

Diesen Zweck erfüllt das Gebäude seither bestens. Die Galaveranstaltung des von Havel mitgegründeten Forums2000, eines der berühmtesten Treffen und Foren für Bürger- und Menschenrechtler aus aller Welt, findet hier jährlich im Oktober statt (Bild links).  Zum Erfolg solcher Veranstaltungen trägt nicht zuletzt auch die avantgardistische Innengestaltung bei, die Modernes mit den Resten der gotischen und barocken Ausstattung harmonisch kombiniert und vor allem bei nächtlichen Events durch aufregende Beleuchtungseffekte besticht. Das große Bild oben zeigt, wie diese Effekte in Verbindung mit der kühn gestalteten offenen und transparenten Konstruktion des Daches wirken. Gerade diese Dachkonstruktion, die mit feinen Holz- und Stahlverästelungen die Struktur der ursprünglichen mittelalterlichen Decke andeutet, gehört zu den Prunkstücken der Renovierung und Modernisierung des Kirchenbaus. Für die Kirchenerneuerung hatte Havel seinerzeit die bekannte britisch-tschechische Architektin Eva Jiřičná gewonnen, die dem großen Präsidenten damit fast so etwas wie ein Denkmal schuf – eines, das als Diskussionsforum dem Geist von Havels Vision einer offenen Gesellschaft vollends entspricht. (DD)

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