Kaiser abgesetzt, wieder eingesetzt

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Im April 1835 beschloss der böhmische Landtag, dass man dem gerade verstorbenen Kaiser Franz I. an schönster Stelle ein besonders prächtiges Denkmal erbauen möge. Schon 10 Jahre später wurde der Grundstein gelegt und losgebaut – bis 1848. In diesem Schicksaljahr deutete die Revolution gegen die Monarchie darauf hin, dass die dereinst vom Landtag angenommene Herzensbindung der Tschechen an das Herrscherhaus wohl doch nicht so tief war, wie man angenommen hatte. Während der Aufstände kam der Bau zum Erliegen. Erst nachdem die Revolution niedergeschlagen war, ging man wieder an die Arbeit und seit 1850 steht das Riesenmonument an seinem Platz am Smetana-Ufer bei der Altstadt.

Der Entwurf – Neogotik aller erster Sahne! – stammte (wenngleich der Beitrag seines Mitstreiters Josef Max hier nicht unterschlagen werden soll) von keinem geringeren als Josef Kranner. Der war zu seiner Zeit eine Berühmtheit. Als man im 19. Jahrhundert beschloss, den Veitsdom zu vollenden, wurde er 1844 der erste Dombaumeister. Deshalb wird das IMG_0228Denkmal meist auch nicht nach Kaiser Franz benannt, sondern läuft unter der Bezeichnung Krannerbrunnen.

Denkmal? Brunnen? Ja, es handelt sich um beides. Die beiden Architekten kombinierten kühn einen unteren Teil als Brunnen mit oben aufgesetzter Fiale (so nennt man bei gotischen Kirchen die turmförmigen Abschlüsse bei Strebepfeilern), in deren Mitte man ein Reiterstandbild des Kaiser stellte. Die wilde Kombination – und hier zeigt sich die Meisterschaft der Künstler – wurde tatsächlich zu einem harmonischen Ganzen vereint, das dem IMG_0224Betrachter in keiner Weise dissonant vorkommt.

Auf dem Denkmal wimmelt es neben und unterhalb des Kaisers von in fast konzentrischen Kreisen aufgestellten Allegorien. Im innersten/obersten Kreis werden die höheren Verdienste des Kaisertums Franz‘ I. bejubelt (Frieden, Wohlstand etc.), dann kommen die Berufe der fleißigen Bürger (Wissenschaft, Kunst, Jagd, Bergbau etc.) und unten am Brunnen Versinnbildlichungen der verschiedenen böhmischen Regionen (inklusive Prags). Es gibt jedenfalls viel zu begucken bei diesem Giga-Monument, IMG_0226das immerhin stolze 30 Meter an Höhe misst.

Als 1919 sich die Tschechoslowakei als Republik von der Habsburgermonarchie trennte, war im Herzen der Prager endgültig kein Platz mehr für Kaiser Franz. Er wurde entfernt; im Denkmal entstand so etwas wie eine optisch schmerzlich wahrnehmbare Lücke. Den kleinen Park, auf dem das Denkmal steht, nannte man nun keck Park Národního probuzení (Platz des Nationalen Erwachens). Nach der Samtenen Revolution von 1989 hatte man von den Konflikten der Vergangenheit zurecht endgültig genug und wollte das (historische) Kriegsbeil IMG_0227begraben, um Geschichte endlich Geschichte sein zu lassen.

So lobpreist denn der Name des Parks zwar immer noch das große nationale Erwachen der Tschechen, aber der österreichische Franz durfte schließlich doch nach 84 Jahren wieder zurück an seinen alten angestammten Platz. 2003 beschloss der Rat des Stadtteils, eine exakte Replik des inzwischen verloren gegangenen gusseisernen Reiterstandbilds in das Denkmal einzusetzen. So wurde am Ende damit auch eine ästhetische Lücke geschlossen und man kann numehr das pompöse Denkmal wieder in seiner ganzen ursprünglichen Pracht bewundern. (DD)

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