Tragische Figur

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Fensterstürze spielen in der Geschichte Prags eine besonders verhängnisvolle Rolle. Der erste (1419) stand am Anfang der Hussitenkriege, der zweite (1620) löste den Dreissigjährigen Krieg aus. Dem dritten Fenstersturz fiel vor genau 70 Jahren, am 10. März 1948, Jan Masaryk zum Opfer. Masaryk, der Sohn des ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, und langjähriger IMG_0291Außenminister des Landes, war eine tragische Figur. Als Außenminister musste er 1938 machtlos mit ansehen, wie die westlichen Verbündeten mit dem Münchner Abkommen das Land Hitlers Eroberungsdrang auslieferte. Nach dem Krieg wurde er wieder Außenminister und weigerte sich bei der Machtübernahme der der Kommunisten 1948 als einziger bürgerlich-demokratischer Politiker aus dem Kabinett auszutreten – in der Hoffnung, den Kommunisten wenigstens ab und an bei ihren Machenschaften einen Riegel vorzuschieben und für noch etwas für die Freiheit der Bürger zu tun.

IMG_0294Am besagten 10. März 1948 fand man ihn morgens tot unter dem Fenster seines Büros im Innenhof des Außenministeriums. Die Kommunisten konnten sich freuen – wieder ein Hindernis auf dem Weg zur Terrordiktatur weniger! Da er seit einiger Zeit pessimistische Äußerungen über den Zustand der Politik des Landes gemacht hatte, verbreiteten die Kommunisten schnell das „offizielle“ polizeiliche Untersuchungsergebnis, Masaryk sei halt depressiv gewesen und habe Selbstmord begangen. Daran zweifelten nicht wenige Bürger, auch weil zu diesem Zeitpunkt die Polizei, die die Untersuchung durchführte, völlig unter kommunistischer Kontrolle stand. Nach der Samtenen Revolution nahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen wieder auf, die sich von 1993 bis 2004 erstreckten. Die gründliche Untersuchung ergab kein eindeutiges Ergebnis, aber aufgrund der Lage der Leiche im Hof und der Aussage einer ehemaligen russischen Agentin hielt man die These, Schergen des kommunistischen Regimes hätten ihn aus dem Fenster geworfen, für sehr wahrscheinlich.

IMG_0296In Vinohrady wurde Masaryk geboren und deshalb gedenkt man seiner dort auch besonders. Geburtsort war die Villa Osvěta, in der nach ihm benannten ul. Jana Masaryka 2. Sein Vater – damals noch nicht Präsident, sondern Philosophieprofessor – hatte sich in dem Haus von 1886 bis 1889 zusammen mit seiner amerikanischen Frau Charlotte eingemietet, und hier wurde auch der Sohn geboren. Besitzer des Hauses war ein Kollege des Vaters, Professor Václav Vlček . 1889 überwarfen sich die beiden Professoren. Masaryk sen. war der Meinung, dass eine damals entdeckte angebliche mittelalterliche Chronik, die Königinhofer Handschrift, die die moralische Superiorität der Slawen gegenüber anderen Völkern historisch zu belegen schien, eine Fälschung sei. Damit hatte er zwar am Ende recht, aber zu diesem Zeitpunkt galt eine derartige Auffassung als höchst unpatriotisch. Masaryk sen. (und damit auch Masaryk jr.) IMG_0295mussten sich eine andere Bleibe suchen.

Das Haus ist heute in Privatbesitz (mit Luxusapartments), aber draußen am Toreingang wird der Geburtsstätte Jan Masaryks (und ein wenig auch des Aufenthaltes des Vaters, siehe Bild rechts) sichtbar gedacht. 2006 wurde anlässlich des 120. Geburtstags von Masaryk eine vom Bildhauer Jan Bartoš entworfene Büste des unglücklichen Opfers des 3. Fenstersturzes  eingeweiht (großes Bild oben). Unter der Büste steht sein berühmtestes Zitat – eine etwas sarkastische Abwandlung des Mottos des Prager Reformators Jan Hus, dass die Wahrheit siege (siehe auch Beitrag hier), nämlich: „Die Wahrheit siegt, aber es ist eine Schinderei!“ (DD)

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