Wo die Reformation begann

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Hier startete die Reformation schon ein Jahrhundert vor Luther! In der Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt predigte ab 1402 Jan Hus. Er predigte in Tschechisch und nicht in Latein. Er klagte die als verweltlicht und korrupt empfundene Kirchenhierarchie an. Mit dem Laienkelch gedachte er die Gemeindedemokratie zu fördern – im Sinne der Gleichheit vor Gott. Dass ihn der Papst IMG_02611410 in einer Bulle scharf verurteilte, steigerte seine Popularität bei den Pragern nur. Als man ihn trotz der Zusicherung von freiem Geleit auf dem Konzil von Konstanz, wo er die strittigen Fragen mit dem Papst ausfechten wollte, auf dem Scheiterhaufen verbrannte (ein beispielloser Justizmord), machte man ihn gleichsam zum Märtyrer in Böhmen. Ein blutiger Religionskrieg mit „Kreuzfahrern“, die Papst und Kaiser geschickt hatten, verwüstete das Land bis 1436, aber das Hussitentum IMG_0244blieb tief und fest im Lande verankert.

Schon vor Hus umwehte die Kapelle ein Hauch von Rebellion. Denn bereits als sie 1391 erbaut wurde, legten die Spender fest, dass hier nur auf Tschechisch für das Volk gepredigt werden sollte, und dass der Bau außer der Predigt keinen weiteren sakralen Zweck haben sollte. Trotz der Größe wurde der Bau daher nur eine Kapelle, keine richtige Kirche.

Die Kapelle überstand die Hussitenkriege und blieb Zentrum der Reformation. Luther IMG_0261erkannte später Hus‘ Rolle als einer seiner Vorläufer an. Thomas Müntzer predigte hier 1521 und knüpfte damit ebenfalls bewusst an Hus an.

Dann kam 1620 die  Schlacht am Weißen Berg, die Niederlage der Protestanten und der Beginn einer kompromisslosen Zwangskatholisierung, die die religiöse Toleranz im Lande beendete. 1622 wurde die Kapelle den Jesuiten übergeben, dann 1638 der Universität, 1661 wieder den Jesuiten als richtige Kirche. Die Jesuiten wurden allerdings erst verboten und dann im Jahre 1786 säkularisierte Kaiser Josef II. die Kirche, die nun entkernt und zum Mietshaus umfunktioniert wurde. IMG_0252Nur die Außenmauern blieben noch erhalten.

Manchmal haben dumme Ideen gute Auswirkungen. Die Kommunisten reklamierten gerne Jan Hus als einen der ihren. Damit taten sie ihm wahrscheinlich großes historisches Unrecht an, aber immerhin veranlasste es sie, sich für den Wiederaufbau des Baus einzusetzen. Der erfolgte von 1950 bis 1954 unter der Leitung des Architekten Jaroslav Fragner. Eigentlich dem Funktionalismus verbunden, entwarf Fragner im wesentlichen ein modernes Gebäude, das aber die wenigen Reste des alten Gebäudes einbezieht und auf die zweischiffige Struktur des Originalbaus anspielt, die man im großen Bild oben gut erkennen kann. Dazu gehört unter anderem der Eingang zur Kanzel (kleines Bild rechts), den Hus benutzte, und der noch genuin gotisch ummauert ist. Sensationeller war der IMG_0249Fund einiger weniger hussitischer Wandbeschriftungen aus dem frühen 15. Jahrhundert, die von den Jesuiten übertüncht worden waren und jetzt wieder freigelegt wurden (links).

Soweit ging die Liebe der Kommunisten zu Hus denn doch nicht, dass sie den Bau wieder zur Predigtkapelle, geschweige denn zur Kirche gemacht hätten.

Er wurde säkularer Versammlungsort und gehört seit 1987 Tschechischen Technischen Hochschule Prags. IMG_0257Die verwaltet aber das Erbe Hus‘ äußerst sorgfältig. Im ersten Stock des Nebengebäudes befindet sich ein kleines und sehr interessantes Museum, das dem Leben und Wirken des großen Frühreformators und der doch recht abenteuerlichen Geschichte des Gebäudes gewidmet ist. Viele Besucher finden den Weg zur Kapelle und zum Museum, die man gegen (ein kleines) Eintrittgeld besichtigen kann. Sie bekommen zweifellos einen der geschichtsträchtigsten Orte Prags zu sehen. (DD)

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