Brücke mit vielen Namen

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Etwas nördlich der Altstadt befindet sich die  Štefánikův most (Štefánik-Brücke). Vergleicht man sie mit anderen Moldaubrücken näher am Zentrum (allen voran der Karlsbrücke), wirkt sie eher nicht so inspirierend. Aber auch sie hat – wie alle Brücken in Prag – ihre bewegte Geschichte. Seit 1997 heißt sie nach Milan Rastislav Štefánik, dem Fliegerhelden, Legionärsgeneral, Verteidigungsminister der Ersten Republik, Astronomen und Weltreisenden über den wir schon hier berichteten.

IMG_0186Aber am Anfang stand die Franz-Josef-Brücke, die von 1865 bis 1868 erbaut wurde, und damals die größte Stahlhängebrücke Prags war. Mit ihren Türmen sah sie wohl hübscher aus als der Nachfolgebau, war aber für das wachsende Verkehrsaufkommen viel zu schmal. Schon vorher war der Name aus der Mode gekommen, denn an den Kaiser wollte in der Republik niemand mehr erinnern. Immer wieder gab es Umbenennungen. Štefánik diente schon einmal nach 1919 für die alte Brücke als Namensgeber. Während der Nazibesetzung benannte man Brücken zum Beispiel gerne politisch neutral nach Komponisten, also hieß sie ab 1942 Janáček-Brücke. Als die neue Brücke in den Jahren 1949 bis 1951 nach den Plänen von Vlastislav Hofman und Otakar Širc entstand, war die IMG_0179Politisierung des Namens (natürlich nur) im Sinne der Partei wieder erwünscht. Namensgeber wurde der Jan Šverma. Der war Kommunist und starb 1944 als Partisan in der Slowakei beim Nationalaufstand gegen die Nazis (und ihre slowakischen Verbündeten). Das alles passte der kommunistischen Führung unter Klement Gottwald trefflich. Denn (erstens) man hatte einen Märtyrer als Namensgeber und Märtyrer machen sich immer gut und (zweitens) Šverma war als Märtyrer naturgemäß tot. Da der (etwas liberalere) Šverma unter dem kommunistischen Fußvolk immer populärer gewesen war als der finstere Stalinist Gottwald, konnte man mit der Benennung gleich seiner Freude Ausdruck verleihen, dass da ein potentieller Rivale rechtzeitig den Heldentod gefunden hatte. Švermas Frau Marie Švermová haderte aber trotz der Brückenbenennung hörbar weiter mit Gottwald und wurde deshalb einige Zeit später für einige Jahre ins Gefängnis gesteckt. Sie ließ sich aber nicht IMG_0185unterkriegen und unterzeichnete noch 1977 zusammen mit Václav Havel das Dissidentenmanifest Charta 77.

Zurück zur Brücke: In drei Felder aufgeteilt ist sie ganze 182 Meter lang. Sie führt vom Norden der Altstadt zum gegenüber liegenden Letnáberg. Man kann dann entweder in beide Richtungen das Ufer entlang oder durch den riesigen Letná-Tunnel geradeaus durch den Berg fahren.

Äußerlich ist die Brücke auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär – eben eine moderne Stahlbetonkonstruktion im Stil des Funktionalismus, wie man sie in der damaligen Zeit nicht nur in der kommunistischen Welt baute. Aber der Architekt hat sich dann doch ein wenig mehr Gedanken gemacht als es zuerst den Anschein macht. Hofman war ursprünglich Kubist. Er hatte unter anderem den kubistischen Friedhof in Ďáblice entworfen, über den wir schon hier berichtet haben. Mit den vertikalen Verstrebungen über den Brückenbögen spielt Hofman bei der Brücke ganz bewusst auf die einige echt kubistische Brücke Prags, die zwei Brücken weiter flussaufwärts liegende Mánesův most an (siehe hier). So hat er uns doch eine kleine Liebeserklärung an einen Stil geliefert, der unter den Kommunisten eigentlich als „bürgerlich“ galt. (DD)

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