Denkmal für den Prager Aufstand

IMG_9661

Hoch über der Moldau und direkt neben den verfallenen Barrandov Terrassen (früherer Beitrag hier) findet man auf einem kleinen  Pfad und im Gestrüpp versteckt ein ebenso verfallenes Denkmal aus kommunistischer Zeit. Der deplorable Zustand und die Abgelegenheit könnten etwas damit zu tun haben, dass das Ereignis, dessen hier gedacht wird, den kommunistischen Machthabern immer viel Kopfzerbrechen bereitete. Es geht um den Prager Aufstand.

Offiziell wurde unter den Kommunisten nach ihrer Machtübernahme von 1948 die Befreiung Prags von der Nazi-Tyrannei am 9. Mai gefeiert, dem Jahrestag des Einmarsches der Roten Armee . In Wirklichkeit hatte sich die Wehrmacht schon am Tag davor, am 8. Mai 1945, dem tschechischen Widerstand unter der Führung von General Karel Kutlvašr ergeben. Dieser gehörte zu den führenden Organisatoren des Aufstands, an dem tausende von Prager Bürgern teilnahmen. Obwohl nur schlecht ausgerüstet, begannen sie ihren Aufstand am 5. Mai. Die Wehrmacht (und später SS-Truppen) waren bereits von Amerikanern und Sowjets in Böhmen so bedrängt, dass sie Pläne, die Altstadt zu zerstören aufgaben und stattdessen nach harten Gefechten mit den Aufständischen abzogen. Nicht wenige der Aufständischen nahmen auch deshalb daran teil, weil sie so verhindern wollten, dass die Rote Armee die Stadt „befreite“. Man wollte den Kommunisten zuvorkommen, um das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die meisten Tschechen wünschten sich wohl eher nicht, dass Hitlers Tyrannei lediglich durch die Stalins abeglöst wurde. Sie wollten mehrheitlich eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Schon deshalb geriet die Heldentat der Prager bei den Kommunisten schnell unter Generalverdacht. Schlimmer noch war, dass die Aufständischen Hilfe von russischen Soldaten bekommen hatten, die der Wlassow-Armee angehörten – eine Freiwilligeneinheit, die sich Hitler angeschlossen hatte in der irrwitzigen Annahme, so Russland von IMG_9662Stalins  grausamer Schreckensherrschaft befreien zu können. Jetzt schlugen sie sich auf die Seite der Aufständischen, um gegen Hitler (und indirekt Stalin) zu kämpfen, was die Sache den Kommunisten noch einmal suspekt machte.

Trotzdem war der Aufstand ein solches Fanal und hatte eine solch große Dimension angenommen, dass man ihn den Pragern weder verheimlichen, noch ganz und gar madig machen konnte. Auch hatten sich – das sei der Fairness halber erwähnt – auch etliche einzelne Kommunisten am Aufstand beteiligt. Folglich findet man auch aus kommunistischer Zeit immer wieder kleine Erinnerungen an ihn, die aber irgendwie das Spannungsfeld zwischen dem aufständischen Volk und den Kommunisten vielsagend vage unthematisiert ließen und so vielleicht versucht haben mögen, den Aufstand irgendwie zu vereinnahmen. Diese Art der Vereinnahmung ist typisch für die Zeit ab den 1970er Jahren, während in den teilweise noch stalinisch geprägtenen 1950er und auch in den 1960er Jahren eher Verschweigen oder Repression die angesagte Linie waren.

So entspricht auch das Denkmal über Barrandov vollkommen der sozialistischen Ästhetik – viel Beton und ein „realistisches“ Mosaik mit revolutionären Kämpfern! – und reiht sich auf den ersten Blick in die Reihe kommunistischer Heldendenkmäler ein. Aber: Es tauchen nirgendwo offen kommunistische Symbole wie roter Stern, Hammer oder Sichel auf. Es wird nichts offen verfälscht.

Auch hatte man sich Zeit gelassen. Erst zum 43. Jahrestag des Aufstandes, im Mai 1988 (im Jahr darauf war des kommunistische Spuk zu Ende!), wurde das Denkmal eingeweiht. Gestaltet wurde es von dem Bildhauer Martin Sladký und dem Dichter Miroslav Florian, der die (auch ohne kommunistische Symbolik auskommende) Inschrift verfasste: „Sie fielen bei Prag und der Fluss flüsterte ihre Namen als Schwur.“ Beide Künstler galten unter dem Kommunismus eher „linientreu“, aber Sladkýs Vater gehörte immerhin zu den gefallenen Kämpfern des Aufstands.

IMG_9663In den letzten Jahren fiel das Denkmal immer wieder dem Vandalismus zum Opfer. Es gibt hässliche Sprayereien. Die Tafel mit der Inschrift und den Namen der 168 Gefallenen der Kämpfe der Umgebung (es verloren beim Aufstand in Prag insgesamt fast 2000 Widerstandskämpfer ihr Leben) verschwand 2015. Kann es sein, dass das durch die realsozialistische Ästhetik provoziert wurde? Oder handelt es sich um im eigentlichen Sinne unpolitische (sinnlose?) Zerstörung? Verführt durch den abgelegenen Ort, wo man ungesehen wüten konnte? In jedem Falle stellen solche Akte der Verwüstung eine schmähliche Herabsetzung und Verunglimpfung der Helden dar, die sich damals so tapfer gegen die Nazis gestellt hatten. Zurecht wird das Denkmal daher immer noch ab und an mit Kränzen geschmückt. Die Verwaltung des Stadtteils 5 erwägt, das Denkmal an einen anderen Ort zu bringen, der öffentlich sichtbarer ist und wo zudem die Kämpfe auch tatsächlich stattgefunden hatten, hat aber das Geld dafür noch nicht aufgebracht. Schön wäre es, wenn das am Ende doch klappen würde: Denn vielleicht trägt ein weniger abgelegener Standort auch dazu bei, dass Vernachlässigung und Vandalismus dem Denkmal nicht mehr so zusetzen wie es jetzt der Fall ist.  (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s