Museum gegen das Vergessen

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1989 ist schon eine Weile her. Die Gefahr, dass die Verbrechen des Kommunismus historisiert und verharmlost werden, wächst. Das Museum des Kommunismus in Prag ist einer jener Orte, wo man die Erinnerung auffrischen und sich die Grauen dieses Systems wieder vor Augen führen kann.

Eröffnet wurde das Museum 2001. Der Gründer war ein amerikanischer Ex-Pat, der sich mit einigen Veteranen der Dissidentenszene zusammentat. Der ursprüngliche Ort des Museums (Na Přikope nahe dem Wenzelsplatz) in einem etwas heruntergekommenen Gebäude mit einem Kasino und über einem McDonalds wirkte ebenso wie ein ironischer Witz der Geschichte mit ihrem Sieg des Kapitalismus wie die Innengestaltung. Es sah alles ein wenig so improvisiert aus wie in einer Untergrund-Samisdat-Druckerei in den IMG_9464Zeiten des „Reichs des Bösen“. Es war eng und verwirrend sortiert. Die Toiletten für die Besucher waren garantiert noch aus den Zeiten des Kommunismus. Es wirkte dadurch aber herrlich engagiert und authentisch – ein wenig so wie das Mauer-Museum in Berlin.

Inzwischen ist das Museum in ein neues Gebäude nahe dem Platz der Republik gezogen. Das ist moderner, man hat mehr Platz, die Didaktik ist klar strukturiert. Es fehlt das authentische Lebensgefühl, das man im alten IMG_9465Museum vermittelt bekam, aber dafür bekommt auch der Nichtkenner eine präzise und auf neuem technischen Stand befindliche Präsentation. Was Kommunismus für die Menschen bedeutete, die unter ihm leben mussten, wird jedenfalls jedermann mehr als klar und deutlich.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt natürlich auf der Geschichte kommunistischer Herrschaft in der IMG_9466.JPGTschechoslowakei, die mit der Machübernahme der Kommunisten 1948 unter Klement Gottwald (links) beginnt. Sie führt unter anderem natürlich über den Prager Frühling von 1968 und endet mit der Samtenen Revolution von 1989.

Es entsteht ein bedrückendes Bild eines totalitären System, das jeden Winkel jedes Lebens zu lenken versucht, Menschen tötet, schindet und deformiert. Die Folterpraktiken und die Todesmaschinerie werden plastisch vorgestellt – wie etwa der oben im großen Bild abgebildete Würdegalgen (das heißt, dass dem zum Tode Verurteilten nicht durch einen längeren Fall schnell das Genick gebrochen wurde, sondern dass er in der Regel 8 bis 12 Minuten langsam erwürgt wurde) aus dem Gefängnis im Stadtteil Pankrác, das heute eine Gedenkstätte ist. Hier wurden vor allem in den Jahren des Stalinismus hunderte von demokratischen Oppositionellen hingerichtet, darunter etwa Milada Horáková  (wir berichteten hier) nach den großen Schauprozessen von 1950. Man bekommt schon ein beklemmendes Gefühl, wenn man vor diesem Galgen steht, an dem so viele tapfere und unschuldige Menschen wegen ihres Einstehens für die Freiheit ihr Leben verloren.

Aber es sind nicht zuletzt auch die „kleinen und alltäglichen Dinge“, die man im Museum betrachten kann, die einem die volle Dimension der Menschenverachtung des Regimes IMG_9472verdeutlichen – etwa die Verschmutzung der Umwelt (angeblich gab es die ja nur im Kapitalismus), die beschränkte Reisefreiheit, die Einöde der Plattenbausiedlungen, die karge Versorgung der Bevölkerung (siehe der nachgebaute Lebensmittelladen links) und vieles, vieles mehr.

Und dann ist da noch die ununterbrochene Berieselung mit Propaganda. Sie durchzog alle Lebensbereiche der Menschen. IMG_9471Die begann schon in Kindergarten und Schule (rechts) und durchdrank Privat- und Berufsleben gleichermaßen.

Das Ganze wird nicht nur anhand von bloßen Exponaten verdeutlicht. Zu vielen Aspekten des Lebens unter dem Kommunismus finden sich im Museum (inhaltlich dem Thema des jeweiligen Raumes zugeordnet) Videoschirme, auf denen einfache Menschen über die Widrigkeiten ihres Lebens vor 1989 sprechen. Alle Texte sind, nebenbei bemerkt, mit IMG_9473englischen Untertiteln versehen, wie überhaupt das ganze Museum konsequent bilingual gestaltet ist.

Am Schluss des Rundgangs wird dann noch das Wirken des Widerstands und der Triumph der Samtenen Revolution von 1989 präsentiert, vor allem die Rolle von Václav Havel, dem Schriftsteller, Dissidenten und ersten Präsidenten der freien Tschechoslowakei nach dem Ende der Schreckensherrschaft. Wer nach diesem Rundgang nicht weiß, was der Wert der Freiheit IMG_9474ist, und warum man sich der Unterdrückung entgegenstellen muss, dem ist nicht mehr zu helfen.

Kurzum: Ein beeindruckendes Museum – auch an seinem neuen Domizil am Platz der Republik.

Wer nur wenig Zeit für seinen Pragbesuch hat, sollte das Museum des Kommunismus auf jeden Fall ganz weit oben auf die Prioritätenliste  setzen als Mahnmal gegen das Vergessen. (DD)

 

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